Born to Be Blue

CAN/GB 2015, 97 Minuten, R Robert Budreau, D Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie

Cool cat im Birdland (Bild: Alamode Film)
Cool cat im Birdland (Bild: Alamode Film)

 Visuell, musikalisch und schauspielerisch einnehmendes, zartbitteres Porträt abseits gängiger Biopic-Muster.

Warum man ihn den „James Dean of Jazz“ und „King of Cool“ nennt, wird sofort klar, wenn dieser gutaussehende Mann auf die Bühne von Charlie Parkers Club „Birdland“ tritt. Von einem Scheinwerfer herausgehoben aus dem Dunkel, die Augen versteckt hinter einer Sonnenbrille, die Haare mit Pomade nach hinten gekämmt, setzt er, ohne eine Miene zu verziehen, die Trompete an den Mund und beginnt zu spielen. Miles Davis ist nicht amüsiert, aber die Fans liegen ihm zu Füßen. Vor allem die weiblichen.

 

Mit einer der Groupies verschwindet Chet Baker nach dem Auftritt nicht nur in den Backstage-Bereich, obwohl seine Frau Elaine im Publikum sitzt. Er lässt sich auch noch anfixen von der Dame. Buchstäblich. Als Elaine die beiden in flagranti in der Garderobe erwischt, steckt Chet noch die Nadel im Arm. Dramatischer Höhepunkt. Schnitt.

 

Das Bild wechselt von Schwarzweiß in Bunt, die Mitarbeiter vor und hinter der Kamera wuseln übers Set. Es wird im Film ein Film über das bewegte Leben der Jazz-Legende gedreht. Die Frau, die Carmen Ejogo als die Ehefrau des Protagonisten verkörpert, ist auch nach Feierabend sein Objekt der Begierde. Und um es noch verwirrender zu machen, spielt Ethan Hawke Chet Baker als Hauptdarsteller, der sich selbst spielt.

Der kanadische Drehbuchautor und Regisseur Robert Budreau („That Beautiful Somewhere“, 2006) greift damit eine Anekdote auf, die sich angeblich in den frühen Sechziger Jahren ereignete. Als Baker wegen eines Drogendelikts in Italien im Gefängnis saß, soll ihn Filmproduzent Dino de Laurentiis mit eben dieser Idee kontaktiert haben. Das Projekt kam nie über das Planungsstadium hinaus, gibt Budreaus Geschichte jedoch einen überaus passenden Dreh. Diese changiert auch in folgenden Sequenzen nicht nur zwischen den Zeitebenen, sondern vermischt Reales und Erdachtes auf eine Weise, die sich wohltuend abhebt von gängigen Biopic-Mustern.

 

Auch ohne die Kindheit des Prominenten nachzustellen und bedeutsame Stationen seines berühmten Lebens aneinanderzureihen scheint „Born to Be Blue“ das Wesen des Porträtierten verblüffend facettenreich zu fassen zu bekommen. Die Versatzstücke der verbürgten Wahrheit, die Budreau hier mit interpretatorischen Eigenleistungen arrangiert, erweisen sich darüber hinaus als dem künstlerischen Thema ausgesprochen angemessen. Mit filmischen Mitteln spielerisch losgelöst, mit improvisatorischen Ansätzen, erfundenen Figuren und wechselnden Lichtstimmungen von einem Jazzer zu erzählen, das passt sehr gut. Ein Genuss ist es schon auf audiovisueller Ebene.

 

Carmen Ejogo („Selma“) überzeugt mit Sinnlichkeit und Profil als starke Persönlichkeit an Chet Bakers Seite, obwohl diese als Konglomerat verschiedener Gefährtinnen eine Fiktion ist, und sorgt dafür, dass die berührende Liebesgeschichte nicht nur Dekoration bleibt. Ethan Hawke liefert als melancholischer Musiker, der zeitlebens mit seinem zweiten Junkie-Ich kämpft, eine der überraschendsten, intensivsten Darstellungen seiner Karriere. Die Szene, in der er „My Funny Valentine“ singt, gehört zu den traurig schönsten des ganzen Films.