Jahrhundertfrauen

USA 2016, 118 Minuten, R Mike Mills, D Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup

Sieht aus wie Jeans-Werbung, aber: Was für ein Ensemble! (Bild: A24)
Sieht aus wie Jeans-Werbung, aber: Was für ein Ensemble! (Bild: A24)

Braucht es einen Mann, um einen Mann aus einem Jungen zu machen? Dorothea (Annette Bening), Abbie (Greta Gerwig) und Julie (Elle Fanning) unterscheiden sich durchaus in ihren Ansichten zum Thema.

Vor allem Julie fühlt sich fehl am Platze bei diesem am Küchentisch einberufenen Gespräch. Nicht, weil sie erst 17 ist, sondern weil es bei der Grundsatzdebatte um Jamie (Lucas Jade Zumann) geht, mit dem sie „nur“ gut befreundet ist, obgleich der zwei Jahre Jüngere auch gerne mehr von ihr wollen würde. Dorothea hingegen scheint die Diskussion vornehmlich aus rhetorischen Gründen zu führen. Es geht schließlich um ihren Sohn. Und den hat die technische Zeichnerin bislang immer noch genauso gut alleine erziehen können, wie sie alles im Leben auch ohne Kerl an der Seite schafft.

 

In letzter Zeit allerdings ist Jamie „komisch“ und legt rätselhaftes bis selbstgefährdendes Verhalten an den Tag. Obwohl die nach einer Krebs-Diagnose aus ihrem New Yorker Leben geflüchtete Punk-Künstlerin und Mitbewohnerin Abbie wie auch Julie denken, ein bisschen männliche Schützenhilfe könne in dem Fall nicht schaden, und obwohl mit William (Billy Crudup), dem sympathischen Ex-Hippie, Handwerker und weiteren Untermieter, auch eine geeignete Mentorenfigur zur Verfügung stünde, weiß es Dorothea besser. Jamie soll also vielmehr in weibliche Lebensentwürfe eintauchen dürfen. Die freigeistige Abbie setzt diese Auftragsbeschreibung allerdings weiterführender in die Tat um, als es Jamies Mom lieb ist.

 

Zwischen diesen skizzierten Eckpunkten und vor allem zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Haupt-Charaktere samt ihrer eigenen Hintergründe bewegt sich die rudimentäre Handlung von Mike Mills' drittem abendfüllendem Spielfilm. Schon seine Vorgänger „Thumbsucker“ (2005) und „Beginners“ (2010) legten weniger wert auf eine straffe Story denn auf die Entwicklung der Protagonisten und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch in diesen, in der Schnittmenge von komödiantisch angehauchtem Drama und melancholischer Komödie angesiedelten, filmischen Erzählungen ging es um das Erwachsenwerden – das Finden und Herausbilden der eigenen Identität und das Verhältnis zu den Eltern.

 

Nach dem sich spät als schwul geouteten Vater in „Beginners“ steht nun die Mutter im Zentrum; eine durchaus dominierende, aber nicht herrschsüchtige, warmherzige und eigenwillige Frau. Nach Lisa Cholodenkos „The Kids Are All Right“ endlich wieder eine starke Haupt- und Mutterrolle für die wunderbare Annette Bening, in der sie ihre Bandbreite ausspielen kann. Überhaupt erweist sich Mills erneut als Schauspieler-Regisseur, unter dessen Führung auch die jüngeren Darsteller glänzen und Billy Crudup als sexy Softie einen schönen Gegenentwurf zu seinem undankbaren Part in „Alien: Covenant“ liefert. Mit diesen gleichermaßen zugespitzten wie lebensechten Figuren lässt man sich gerne durch Mills' Version des Kalifornien anno 1979 treiben – einer sanft-sonnigen Melange aus feministisch gefärbtem Zeitbild und autobiografisch grundiertem Mikrokosmos.

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