Sieben Minuten nach Mitternacht

USA/GB/E 2016, 108 Minuten, R J.A. Bayona, D Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

Conor (Lewis MacDougall) und das Monster (Stimme: Liam Neeson) (Bild: Verleih)
Conor (Lewis MacDougall) und das Monster (Stimme: Liam Neeson) (Bild: Verleih)

Die Finsternis. Der Abgrund. Die Hände, die ihm entgleiten, so sehr er sie auch umklammert. Conor O'Malley (Lewis MacDougall) hat diesen wiederkehrenden Albtraum, aus dem er immer kurz vor dem entsetzlichen Höhepunkt schweißgebadet, mit rasendem Herzen hochfährt. Doch auch im Wachzustand ist das Leben des Dreizehnjährigen kein Zuckerschlecken.

In der Schule wird er von den einen gemobbt, von den anderen gemieden, und seine beste Freundin hat ihn verraten. Der Vater hat die Familie verlassen und lebt in Amerika. Und um seine Mutter Lizzie (Felicity Jones) kümmert sich Conor seit geraumer Zeit mehr selbst als umgekehrt, denn sie ist krank. Ernstlich krank. So beißt der Junge die Zähne zusammen – und zeichnet. Das hilft, den erschöpften Geist abzulenken und gleichzeitig dabei, das Schlafen hinauszuzögern. Als er eines Nachts so am Schreibtisch hockt und die Ziffern seines Weckers auf 00:07 Uhr springen, dröhnt ihm eine tiefe Stimme bis in den Bauch. Sie ruft seinen Namen.

 

„A Monster Calls“ heißen der Film sowie das zugrundeliegende Buch im Original, und das riesenhafte Ungeheuer, dessen Ruf die Zimmerwände zum Beben bringt, bevor es mit einem glühenden Auge durch Conors Giebelfenster späht, ist – ein Baum. Eine Eibe, genauer gesagt, die bis dato zwar knorrig und und imposant, aber eindeutig fest verwurzelt auf dem Friedhof hinter dem Haus der Familie O'Malley stand. Nun mischt sich das uralte Lebewesen ungebeten in die Geschicke des jungen Menschen ein. Wobei: Das Baum-Monster behauptet, Conor wäre derjenige gewesen, der es herbeigerufen hätte. Und nun hätten sie Geschichten auszutauschen: Drei davon werde das Monster erzählen. Die vierte aber, die müsse Conor beisteuern – und sie habe die Wahrheit zu enthalten.

 

Worum es dabei letztlich gehen wird, das ahnt man als erwachsener Zuschauer zwar, doch welchen Weg die Erzählung dazu nehmen wird, das entwaffnet einen unmittelbar und lässt einen mit all seiner Lebenserfahrung zusammenschrumpfen auf den emotionalen Kern, der auch Dreizehnjährigen nur zur Verfügung steht. Was hilft einem alles Wissen, wenn man dem medizinischen Fortschritt und dem modernen Machbarkeitsglauben zum Trotz hilflos mit ansehen muss, wie ein geliebter Mensch ganz allmählich der Welt entschwindet? Ist das Monster hier also der Tod, gekommen, um Conors Mutter auf die andere Seite zu holen?

 

Das ist eine der denkbaren Möglichkeiten, vor der man empathisch mitgerissen, ebenso schlottert wie der jugendliche Protagonist. Der wünscht sich insgeheim, es würde stattdessen die hartherzige Großmutter (Sigourney Weaver) mitnehmen, die dem Jungen bereits in Aussicht gestellt hat, dass er bald werde bei ihr werde wohnen müssen. Oder es würde hinter ihm stehen, wenn er den gnadenlosen Mitschülern und ihrem Anführer gegenübertreten muss.

 

Im Verlaufe der Handlung legt die Erzählung, die der britisch-amerikanische Autor Patrick Ness als Gerüst vom Verlag der an Krebs verstorbenen Schriftstellerin Siobhan Dowd vererbt bekam und sie zu einem mehrfach preisgekrönten Jugendroman weiterentwickelte, verschiedene Interpretationen nahe. In der Verfilmung von Juan Antonio Bayona, für die Ness selbst die Drehbuchadaption fertigte, bleiben diese Möglichkeiten trotz der größeren Eindeutigkeit eines Films gegenüber der eines Buches wunderbar in der Schwebe. Bayona, der sich schon in seinem Schauerdrama „Das Waisenhaus“ und der Tsunami-Tragödie „The Impossible“ als einfühlsamer Vermittler kindlicher Gefühlslagen erwies, bewegt sich mit seiner Inszenierung konsequent auf Augenhöhe des jungen Helden.

 

In Lewis MacDougall („Pan“) hat der Regisseur ein ideales Medium für die Vermittlung heftiger Emotionen gefunden; einen jungen Schauspieler, in dessen Gesicht und vor allem Augen so glaubhaft all der Schmerz, die Wut und die Verwirrung zum Ausdruck kommt, dass man unwillkürlich den Atem anhält. Neben dem Profi-Ensemble, in dem vor allem Sigourney Weaver überrascht und die Stimme von Liam Neeson (respektive seines Synchronsprechers Bernd Rumpf) eindrucksvoll das Monster beseelt, kann er mit seiner Präsenz in jeder Szene mehr als Schritt halten.

 

Kongenial, ohne eine bloße Kopie zu produzieren, gelingt die gesamte Anverwandlung einer außerordentlichen Romanvorlage für die große Leinwand. Die ästhetische Umsetzung (unter anderem durch die Kreativen, die schon bei „Pans Labyrinth“ Wunder vollbrachten) erweckt die unvergesslichen Illustrationen von Jim Kay zu neuem Leben – inklusive der Gestaltung der Seelenlandschaften und der monströsen Eibe, die nicht nur computergeneriert, sondern in Teilen auch in traditionellem Handwerk animiert wurde. Eine bessere Unterstützung für den Inhalt, diese eigentlich tonnenschwer traurige Story mit ihrer letzten Endes so erleichternden, befreienden Botschaft, ist kaum vorstellbar.

 

Es ist nicht der Schmerz der Trauer, der uns beschädigt, sondern das, was wir unternehmen, um ihn zu vermeiden. So mahnte kürzlich, wenige Wochen nach Prinz Harrys Geständnis über seinen Umgang mit dem Tod Dianas, die auf Trauer spezialisierte Psychologin Julia Samuel im „Guardian“. Eine Lektion, die in komprimierter Form, mit Hilfe eines freudianisch unerbittlichen Monster-Therapeuten und ebenfalls viel zu jung auch hier ein Junge lernen muss, der seine Mutter verliert.