The Founder

USA 2016, 115 Minuten, R John Lee Hancock, D Michael Keaton, John Carroll Lynch, Nick Offerman, Laura Dern

 

Ray Croc (Michael Keaton) ist am Ziel © splendid-film
Ray Croc (Michael Keaton) ist am Ziel © splendid-film

Wer hat's erfunden? Wenn saunierende Finnen in der Werbung Lügenmärchen erzählen, zupft ihnen ein Anzugträger mit weißem Kreuz auf rotem Schlips so lange am Handtuchzipfel, bis sie reumütig die Wahrheit über die berühmten Schweizer Kräuterzucker ausspucken. Im Falle des weltweit umsatzstärksten Fast-Food-Konzerns verlief die Geschichte etwas anders.

„1940 – Richard und Maurice McDonald eröffnen ihr erstes Restaurant in San Bernardino, Kalifornien“, heißt es in der offiziellen Firmenhistorie auf der Website, und: „1954 – Das Unternehmen McDonald's wird in den USA gegründet.“ Das Schwarzweißfoto darüber wird bereits dominiert von einem schmächtigen Mann in der Mitte der ersten Reihe, der der kein Mitglied der McDonald-Familie ist und als einziger Herr keine Krawatte trägt. Ray Kroc war anders als andere Unternehmer – und doch wieder nicht.

 

In den ersten Filmminuten erleben wir ihn, in der Gestalt Michael Keatons, als kleinen Vertreter, der zwar emsig arbeitet, es aber offensichtlich als Anfang Fünfzigjähriger nicht geschafft hat, die Karriereleiter zu erklimmen – sehr zum Missfallen seiner unzufriedenen Gattin (Laura Dern). So lächerlich, wie dieses Männlein wirkt, so stark ist sein Glauben an sich – immer wieder bekräftigt durch markige Selbsthilfe-Parolen, denen Ray bei seinen Geschäftsreisen auf stets mitgeführten Tonträgern lauscht. Dass sich das Self-Coaching schließlich auszahlt, ist seiner Antenne für lukrative Geschäftsideen zu verdanken.

 

Als jenes Schnellrestaurant in einer kalifornischen Kleinstadt auf Rays Radar auftaucht, schrillt sein innerer Alarm. Die Brüder Dick (Nick Offerman) und Mac (John Carroll Lynch) verkaufen dort Burger wie am Fließband – buchstäblich, denn dank des von ihnen ausgetüftelten „Speedee-Systems“ mit Hand in Hand arbeitendem Küchenpersonal, dem Einsatz von Papier statt Geschirr und dem Verzicht auf Bedienungen kommen die fröhlich mit anpackende Kundschaft so zackig wie nirgendwo sonst in den Genuss ihrer Bulette. Ray ist schwer begeistert. Nach diesem genialen Konzept sollte man unbedingt ein Netz von Burger-Buden im ganzen Land betreiben. Zwar winken die Brüder wegen Misstrauens in die Übertragbarkeit ihrer Qualitätsansprüche auf eine Massenproduktion ab, aber Ray hat längst Feuer gefangen. Spätestens, seitdem er Dicks hoch aufragende „Golden Arches“ gesehen hat, leuchten die später ikonischen gelben M's wie Dollarzeichen in seinen Augen.

 

Bis die Handlung an dieser zentralen Stelle angelangt ist, sind einem einige Fragen durch den Kopf geschossen. Wessen Geschichte hier zum Beispiel erzählt wird. Durch die unnötig langatmige, etwas irreführende Exposition ist man da nicht ganz sicher. Und: Was die Filmemacher wohl bewogen haben mag, einem aus verschiedenen Gründen ethisch fragwürdigen Milliardenkonzern eine so unverhohlen bewundernde und freundliche Werbeplattform zu bieten. Doch auch wenn die Legende um die sympathischen Brüder und ihr sauberes Familienrestaurant noch so herrlich glänzt, während sich einem hierzulande, noch mit Günter Wallraffs „Ganz unten“ im Hinterkopf, ohnehin ein hässlicherer Filter vor die Leinwand schiebt, hat die Schlange bereits ihren Weg ins Paradies genommen.

 

Es hat seinen Grund, dass der Titel „The Founder“ lautet, ohne Plural-S, denn es geht nicht um die zwei Gründer, sondern um eine einzige Person. Was natürlich pure Ironie ist angesichts der sich immer mehr herauskristallisierenden Tatsache, dass Ray Kroc zwar alles mögliche getan hat, aber McDonald's weder erfunden noch tatsächlich gegründet hat. Wie es diesem Entrepreneur, diesem Unternehmer durch und durch, gelungen ist, erst einen Nugget an sich zu reißen und schließlich die ganze Goldader, das erzählt das mehr und mehr Fahrt aufnehmende Drehbuch von Robert Siegel („The Wrestler“) unter der soliden Regie des auf wahre Geschichten kaprizierten John Lee Hancock („Blind Side – Die große Chance“) auf verblüffende Weise.

 

Dass einem dabei der Mund offenstehen bleibt, kann zweierlei Gründe haben. Wie bei thematisch ähnlichen Dramen à la „The Social Network“ geht es nicht nur um problematische Urheberschaft und zerstrittene Ex-Partner; es handelt sich auch um ein Lehrstück über US-amerikanisches Geschäftsgebahren und den Kapitalismus an sich, das an Aktualität nichts verloren hat. Je nachdem, wie die eigenen ideologischen Sympathien verteilt sind, kann man hier also das Porträt eines cleveren Siegers sehen oder auch das eines Schurken, der damit durchkommt, anständige Menschen nach Strich und Faden zu betrügen. Beim Ringen darum, wer hier der wirklich große Mac ist, bewahrt der Film eine ambivalente Haltung – was ihn letztlich umso interessanter macht.

 

Ziemlich unverständlich ist es, dass Michael Keatons Leistung keine Würdigung bei den großen Awards fand. Seit er sich mit „Birdman“ auf ein höheres Level spielte, ist dieser hintertriebene Charakter der wohl größte Coup seiner Laufbahn. Mit Können und Charisma wickelt er uns so ein, dass man die Titelfigur nicht als gänzlich unsympathisch ablehnen und sogar verstehen kann. Glänzend besetzt und gespielt sind mit John Carroll Lynch (Frances McDormands Gatte in „Fargo“) und Nick Offerman („Parks and Recreation“) auch die Rollen der bedauernswerten Brüder – als Nebendarsteller in der eigenen Geschichte. Ihnen hätte man die Standhaftigkeit eines Ricola-Mannes mehr als gegönnt.

 

 

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