Life

Science-Fiction

USA 2017, 103 Minuten, R Daniel Espinosa, D Jake Gyllenhaal, Rebecca Ferguson, Ryan Reynolds

Is there life on Mars? Das fragt sich die Menschheit nicht erst seit David Bowies Song von 1971, dem Jahr, in dem die erste sowjetische Sonde auf dem roten Planeten landen konnte. Seitdem wurde viel entdeckt auf dem unseren so nahen und ähnlichen Himmelskörper. Wasser etwa, das Element, aus dem wir Erdbewohner einst kamen. Methan auch, das von Mikroben stammen könnte. Nach denen bohrten NASA und ESA – nicht nur in Science-Fiction-Filmen –, und werden dies weiter tun. Das europäische Raumfahrtprogramm Aurora geht davon aus, den ersten Menschen im Jahr 2033 auf den Mars schicken zu können.

Die „Mission Pilgrim“ ist also am Puls der Zeit. Die Besatzung der internationalen Raumstation ISS besteht aus vier Männern und zwei Frauen. Kosmonautin Ekaterina Golovkina (Olga Dihovichnaya) leitet die Mission, an ihrer Seite hat Ingenieur Sho Kendo (Hiroyuki Sanada) aus Japan die Technik im Griff. Rory Adams (Ryan Reynolds) klingt nicht nur wie ein Rockstar, sondern ist auch der Astronaut mit der coolsten Attitüde, der sich als Spacewalker am meisten außerhalb der Station bewegt. Als Vertreter der Wissenschaft ist der Arzt David Jordan (Jake Gyllenhaal) mit mehr als 15 Monaten bereits am längsten im All und heißt die neuen Crew-Mitglieder Miranda North (Rebecca Ferguson), eine Mikrobiologin vom Zentrum für Seuchenkontrolle, sowie den britischen Forscher Hugh Derry (Ariyon Bakare) willkommen.

 

Derry ist der Spezialist, der aus den eisenoxidhaltigen Bodenproben tatsächlich einen Einzeller herausfiltern kann, welcher unter der Zufuhr von Sauerstoff auf dem Objektträger sogar ein Flimmerhärchen bewegt. Womit die Existenz von Leben auf dem Mars bewiesen wäre. Heureka! Während die unbekannte Spezies auf der ISS aufgepäppelt und erforscht wird, gibt man ihr auf der Erde bereits den Namen Calvin. Süß ist der agile Einzeller, der rasant wächst und als eine Art Superorganismus aus Muskeln, Nerven und Blut zu bestehen scheint. Bald schon ist er ein fingergroßes amorphes Wesen, das sich zutraulich auf Derrys Handschuh zubewegt; kurz darauf erinnern Form, Größe und Motorik des Extraterrestrischen schon an Patrick Star, den mit SpongeBob befreundeten Seestern. Doch dann ist Schluss mit putzig. Was passieren kann, wenn der Mensch der Natur zu sehr ins Handwerk pfuscht, musste ja schon Victor Frankenstein lernen.

 

Was bis zu dem Moment, als im Labor Panik ausbricht, noch wie besonders realistische Science-Fiction - mit der Betonung auf Wissenschaft - aussah, schlägt nun in Horror um, der nicht nur bei empfindsamen Zuschauern den Puls in die Höhe treibt und manches Mal den Blick abwenden lässt. Muskeln, Nerven und Blut pumpen mit einem Mal bei allen Beteiligten auf und vor der großen Leinwand, während die Leiber da oben um ihr Leben kämpfen und unsere hier unten mit empathischen Stresssymptomen reagieren. Das ist extrem physisches Kino, das die Darwinsche Evolutionstheorie und sein „Survival of the Fittest“ sehr nachvollziehbar auf den Punkt bringt.

 

Hart waren auch die vorigen Filme des chilenisch-schwedischen Regisseurs Daniel Espinosa, in dessen Gangster-Saga „Easy Money“ (2009) eindringlich deutlich wurde, wie Kriminalität Leben zerstört und der in seinem internationalen Debüt, dem Thriller „Safe House“ (2012), schon einmal eine Hatz mit Ryan Reynolds inszenierte und Denzel Washington angeblich wirklich dem Waterboarding unterzog. Doch auch schon bevor in „Life“ die im Kern allen Lebens pulsierende Gewalt vollends ausbricht, ist dieser Film außerordentlich körperlich.

 

Wenn man die Schauspieler als Astronauten bei ihrer Arbeit auf der ISS im „Zero G“ - in jenem Zustand, in dem die Gravitation ausgesetzt ist – beobachtet, meint man, sie tatsächlich schwerelos durch die Raumstation gleiten zu sehen. Das raffinierte Zusammenspiel von unsichtbaren Drähten und anderen Aufhängungen, speziell choreographierter und eingeübter Bewegungsabläufe sowie einer geradezu ließenden Kamera schafft die perfekte Illusion. Die faszinierenden Bilder des zweifach für den Oscar nominierten Iren Seamus McGarvey („Anna Karenina“, „Abbitte“) erzeugen mitunter Schwindel, wenn sie die handelnden Menschen förmlich auf den Kopf stellen und in geschmeidigen Schwenks die Sicherheit von räumlichen Dimensionen außer Kraft setzen – was im Übrigen ganz hervorragend ohne 3D-Technik funktioniert.

 

Grenzüberschreitend wie Alfonso Cuaróns mit sieben Oscars ausgezeichnetes Weltraumdrama „Gravity“ zeigt sich Espinosas Thriller dabei allerdings weder gestalterisch noch in philosophischer Hinsicht. Das will und muss er freilich auch gar nicht. Als Genre-Werk, das sich in Richtung großer Vorbilder à la „Alien“ reckt wie jener extrem anpassungsfähige kleine Marsianer aus der Petrischale hin zum Finger seines Erweckers, ist „Life“ clever genug, um dort auf Tempo zu setzen, wo allzu engagiertes Abklopfen der logischen Stabilität kontraproduktiv werden könnte. Wo das Drehbuch (von Rhett Reese und Paul Wernick, die gemeinsam „Deadpool“ und „Zombieland“ schrieben) schwammig bleibt, weiß die Regie mit kundigem Anzug der Spannungsschrauben effektvoll gegenzuwirken.

 

So gut beherrscht Espinosa seine Werkzeuge, dass man ihm auch bei jenem Prinzip nicht trauen sollte, das einem Abzählreim gleich das Figurenarsenal minimiert. Das souveräne kleine Ensemble des Kammerspiels im All ist gut durchgemischt mit Stars und unbekannteren Darstellern, schönen Frauen und Männern, die für Überraschungen sorgen. Und dafür, dass einem irgendwann noch der andere Bowie-Song in den Sinn kommt – der mit dem Orbit-Eremiten Major Tom.

 

 

 

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