Mit Siebzehn

Anspannung zwischen Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein). Bild: Kool Filmdistribution.
Anspannung zwischen Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein). Bild: Kool Filmdistribution.

Drama

F 2016, 116 Minuten, R André Téchiné, D Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein, Corentin Fila

Was gibt es Schlimmeres für unsere Spezies, als abgelehnt zu werden von der Gruppe? Die Keimzelle demütigender Erfahrungen scheint dabei in der Schulzeit zu liegen. Im Sportunterricht etwa. Wenn Mannschaften zusammengestellt werden und man bis zum Schluss auf der Bank sitzen gelassen wird und schließlich wohl oder übel in ein Team gerufen wird – was das für bittere Momente waren.

Damien und Thomas kennen sie nur zu gut. Für den außenstehenden – erwachsenen – Betrachter scheint das zunächst unverständlich, denn beide Jungen sind groß, gutaussehend, athletisch. Schließlich geht Damien zum privaten Boxunterricht beim Nachbarn; Thomas bewältigt seinen kilometer- und stundenlangen Schulweg von einem Berghof ins Tal täglich zu Fuß. Doch Jugendliche haben feine Antennen, erkennen und meiden Außenseiter instinktiv. Dass sie in dieser ungeliebten Rolle in einen Topf geworfen werden, stört Damien und Thomas außerordentlich. Ihre wechselseitige Aversion ist so ausgeprägt, dass sie sich ständig in Prügeleien miteinander wiederfinden.

 

Erklären können die Jungen das weder sich selbst noch einem der besorgten Erwachsenen. Und dann hat Damiens Mutter Marianne, diesen Einfall. Die Landärztin des Pyrenäendorfs, die sich tapfer mit der Strohwitwerschaft arrangiert, die ihr die militärischen Einsätze ihres Mannes aufzwingen, lernt Thomas' Stieffamilie kennen, als sie zu der kranken Bäuerin gerufen wird. Angesichts der Umstände schlägt sie vor, dass der fleißige Ziehsohn während des letzten Schuljahrs in ihr Haus im Tal zieht, damit er sich besser auf die Abschlussprüfungen vorbereiten kann. Die Jugendlichen sind freilich wenig begeistert von dem Arrangement.

 

Wie wenig man doch manchmal versteht, wenn man einmal zur angeblich vernünftigen und mehr oder weniger altersweisen Person herangewachsen ist und wie man in der verantwortlichen Position selbst mit noblen und wahrhaft hilfreich gemeinten Ideen komplett daneben liegen kann – dieses Dilemma wird im jüngsten Film André Téchinés mehr als deutlich. Dass ein Regisseur, der seit Jahrzehnten reife Geschichten von zwischenmenschlichen Konflikten erzählt, mit Mitte Siebzig so dicht am Lebensgefühl Heranwachsender inszeniert, verblüfft dabei umso mehr. Dass er das Drehbuch zusammen mit der 1978 geborenen Filmemacherin Céline Sciamma (von der u.a. „Tomboy“ und die Adaption „Mein Leben als Zucchini“ stammt) verfasste, trägt zu dieser Nähe erheblich bei.

 

Frisch, lebendig und psychologisch stimmig nimmt das an Wendungen reiche Drama existenzielle Nöte der Adoleszenz mit einer Leichtigkeit in Angriff, die einnehmend wirkt. Die dezent in Szene gesetzte raue Schönheit der umgebenden Natur bildet einen emotional wirkungsvollen Rahmen. Eindrucksvoll nehmen sich die darstellerischen Leistungen aus. Physisch wie psychisch unerschrocken und mit viel Authentizität stellen sich die jungen Männer Kacey Mottet Klein und Corentin Fila den Herausforderungen ihrer Rollen. Und die wundervolle Sandrine Kiberlain glänzt als Mutter, die trotz ihrer blinden Flecken zum Anbeten ist in ihrer ungekünstelten Ehrlichkeit.

 

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