Wilde Maus

Tragikomödie

A 2016, 103 Minuten, R Josef Hader, D Josef Hader, Pia Hierzegger, Georg Friedrich, Jörg Hartmann

"Bist angerannt irgendwo?" Muss sich Pia Hierzegger von Josef Hader fragen lassen. Bild: Wega Film/Majestic.
"Bist angerannt irgendwo?" Muss sich Pia Hierzegger von Josef Hader fragen lassen. Bild: Wega Film/Majestic.

Nein, nicht Jack White, der Schlagerfuzzi aus den Siebzigern. Die junge Kollegin schüttelt fassungslos den Kopf. Georg (Josef Hader) hingegen juckt es herzlich wenig, dass irgendein Gitarrist sein Riff, das alle Welt in den Fußballstadien grölt, von Anton Bruckner abgekupfert haben soll. Als renommierter Musikkritiker und Feuilletonchef einer großen Wiener Tageszeitung lächelt er milde über derlei Banalitäten. Dumm nur, dass es die junge Redakteurin mit ihrer eher in die Breite denn in die Tiefe gehenden Fachkenntnis ist, die bleiben darf. Georgs Posten wird wegrationalisiert; zu teuer ist seine Arbeit für das Blatt geworden. Und nun steht er da – ein Fossil aus einer vergangenen journalistischen Ära, das nichts anderes gelernt hat.

 Ähnlich überholt, gar marode, wirkt die Achterbahn, als deren Teilhaber sich Georg gar nicht so viel später wiederfindet. Was damit zu tun hat, dass sich die entthronte Edelfeder schämt für die Kündigung und in eine Lügengeschichte schlittert. Damit seine Frau Johanna (Pia Hierzegger), die nicht nur Psychotherapeutin ist, sondern auch noch jünger und sich ein Kind wünscht, nichts mitbekommt von der Implosion seines (männlichen) Egos, gibt Georg vor, weiter in die Redaktion zu gehen. Stattdessen schindet er Zeit im Prater, wo er die Bekanntschaft von Erich (Georg Friedrich) macht, einem nicht mehr so jungen Mann zum Mitreisen, der eben jene „Wilde Maus“ wieder flottmachen will und einen Geldgeber braucht.

 

So wie das in die Jahre gekommene Kirmes-Gefährt mit einem gewissen Wahnwitz um viel zu scharfe Kurven schießt, so schlägt auch der eigentlich kluge Protagonist einen Kurs ein, der sich äußerst halsbrecherisch ausnimmt. Dem Rachefeldzug gegen den Chef samt immer blindwütigerem Sägen am Gerüst der eigenen Identität, auf den Josef Hader seinen Antihelden schickt, sieht man mit einer Art besorgter Belustigung zu – gerade, weil der Mann, der hier auf sehr österreichische Weise rot sieht, nicht nur völlig uncool ist, sondern mit jedem Schritt den ganzen Schlamassel nur noch schlimmer macht.

 

Hader, der große Kabarettist, als Schauspieler bekannt durch die Rolle des lakonischen Privatermittler Brenner in den Wolf-Haas-Krimis, hat sich immer schon gut auf die Versager verstanden, die armen Würstchen, über die man zwar lacht, die beim Zuschauen aber auch einen Beschützerinstinkt ansprechen. An Drehbüchern hat der Mittfünfziger schon häufig mitgeschrieben; diesmal stammt nicht nur das komplette Skript von ihm, sondern er gibt auch sein Debüt als Regisseur. In der filmischen Dreifaltigkeitsfunktion gelingt es ihm fabelhaft, seine lächerliche Passionsfigur zur Vollendung zu bringen.

 

Neben dem kenntnisreichen Blick auf mediale und kulturelle Realitäten zeigt der Philanthrop Hader ein feines Gespür auch für seine anderen Charaktere, die allesamt oft unangenehm wirken in ihren Fehltritten und Schwächen – aber gleichzeitig als in eine unfreundliche Welt geworfene Menschenkinder erscheinen, die nicht anders können, selbst wenn sie gerne wollten. Auch seine Darsteller - von der herrlich herben Pia Hierzegger („Was hat uns bloß so ruiniert?“) über Denis Moschitto als schwuler Veganer und Jörg Hartmann als selbstherrlicher Chefredakteur bis zum brodelnden Georg Friedrich – führt der Regisseur zu wunderbaren Leistungen.

 

Was ihm als Anfänger im Metier noch fehlt, ist vor allem größere dramaturgische Stringenz und Klarheit. Bei aller angemessenen Ruhe in einzelnen Szenen schleichen sich im Gesamtbogen doch Längen ein und macht sich eine Unaufgeräumtheit in den verschiedenen Handlungssträngen bemerkbar. Was die Bildgestaltung angeht, hat Hader mit seinem Kamerateam Andreas Thalhammer und Xiaosu Han ein ästhetisches Pendant gefunden, das mit langen, weiten Einstellungen sowohl den Menschen ihren passenden Spielräume verschafft als auch Schönheiten der Umgebung einfängt. Wie in jenem schneereichen finalen Akt, in dem das ganze bitterkomische Drama des traurigen Clowns auf die Spitze getrieben wird, bevor in einem Platzregenschauer einige ganz wundere Sätze fallen.

 

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