Lion

„Gaddu! Gadduuuu!“ Die Stimme des Jungen überschlägt sich, als er nach dem großen Bruder ruft. Immer wieder. Überall. Doch nichts. Gaddu bleibt verschwunden. Und Saroo, fünf Jahre alt, ist ganz alleine im Zug. In den hatte er sich bloß gesetzt, um auf den Bruder zu warten, als der Wagon leer und harmlos auf dem Gleis stand. Als das Kind erwacht, fährt der Zug. Und hält erst in Kalkutta wieder an. Mehrere Tagesreisen von zuhause entfernt. Wo das genau ist oder wie sein Familienname lautet, weiß der Kleine nicht.

 

 

 

Was Saroo Brierley damals und danach passierte, darüber schrieb er in seiner Autobiografie „Mein langer Weg nach Hause“. Deren Kino-Adaption durch Debüt-Spielfilmregisseur Garth Davis ist nun für sechs Academy Awards nominiert, darunter die für das Drehbuch und den besten Film. Klassischer Oscar-Stoff, das ahnt man schon, bevor man eine Minute gesehen hat. Und wird bestätigt, wenn der ergreifende erste Teil, das Verlorengehen des unschuldigen Kindes, an Geschichten wie „Slumdog Millionär“ erinnert.

 

Saroos Leben vor dem Einschnitt wird in warme Farben getaucht, als Kindheit in Armut zwar, aber in der Obhut einer liebenden Mutter und des fürsorglichen älteren Bruders. Die gesamte Inszenierung orientiert sich hier auf gelungene Weise an der Perspektive des Jungen, den die Entdeckung Sunny Pawar mit einnehmendem Charme und berührender Fragilität verkörpert. Man muss – mal mehr, mal weniger subtiler emotionaler Beeinflussung der Regie zum Trotz - schon aus Stein sein, wenn einen diese großen Augen und das von Angst, Staub und Tränenspuren gezeichnete Kindergesicht nicht bewegen.

 

Auf den Beginn des zweiten Lebens des kleinen Kerls bei den Adoptiveltern Sue (Nicole Kidman) und John (David Wenham, Peter Jacksons „Faramir“) in Tasmanien folgt ein großer Zeitsprung. Saroo (Dev Patel) ist nun Student in Sidney, ein beliebter, unbeschwerter junger Mann, der im Seminar die Eine findet (Rooney Mara) und als gefühlter Australier eher befremdet reagiert, als er auf seine indische Heimat angesprochen wird. Von der traumatischen Vergangenheit scheint er frei zu sein. Doch die Frage des Kommilitonen wirkt nach. Und die alte Wunde bricht auf.

 

Die Gefahr, dass eine solche Verfilmung in zwei disparate Teile zerbrechen kann, löst sich schnell in Luft auf. Dass das so gut funktioniert, liegt neben der unaufdringlich poetischen Bildsprache an der Konzentration auf die Gefühle der Beteiligten. Hier ist zum einen das sensible, mit einer Oscar-Nominierung bedachte Spiel Dev Patels zu loben, das mutig und wahrhaftig den Schmerz der Identitätserschütterung zeigt. Eine schöne Rolle für den Briten, der aufgrund der Herkunft seiner Eltern oft als lächelnder, mit dem Kopf wackelnder Klischee-Inder besetzt wurde und hier endlich einmal mehr Bandbreite zeigen darf. Nicole Kidman, ebenfalls nominiert, glänzt mit Zurückhaltung und Wärme und vermittelt mit ruhiger Intensität den emotionalen Aufruhr, der aufseiten von Adoptiveltern entsteht, gerade auch unter solchen abenteuerlichen Umständen.

 

Drama

USA/AUS/GB 2016, 119 Minuten, R Garth Davis, D Dev Patel, Nicole Kidman, Rooney Mara

 

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