Mein Leben als Zucchini

Leise sammelt der neunjährige Zucchini im Flur leere Bierdosen auf. Im Wohnzimmer tobt ein Ehestreit. Doch Papa ist schon lange weg. Mama trinkt, vor der laut aufgedrehten Glotze. Dann fallen Zucchini die Dosen scheppernd hin – und Mama hat diesen schlimmen Unfall.

 

 

 Was genau passiert ist, weiß Zucchini nicht mehr. Der Polizist ist trotzdem nett zu ihm und bringt den Jungen ins Waisenhaus. Die Direktorin ist auch sehr freundlich, die Kinder zurückhaltend. Doch der freche Simon verrät dem Neuen, warum sie dort wohnen. Wegen drogenabhängiger, komplett gestörter, nach Afrika abgeschobener und inhaftierter Eltern, oder solcher, die „widerliche Sachen“ mit ihnen gemacht haben.

Die Geschichte um misshandelte und traumatisierte Kinder ist harter Stoff. Einer von der Art, bei der man als Erwachsener einen Stein im Magen spürt und das spontane Bedürfnis, junge Zuschauerseelen vor solchen Abgründen zu schützen. Dennoch ist die Verfilmung eines Romans von Gilles Paris (2004 auf deutsch als „Autobiografie einer Pflaume“ erschienen) ohne Altersbeschränkung freigegeben. Wie kann das angehen?

 

Ausgezeichnet sogar, denn Céline Sciamma („Tomboy“) und Debüt-Regisseur Claude Barras verpacken den teils tonnenschweren Inhalt nicht nur mit aller Behutsamkeit, sondern auch mit so viel Humor und Herzenswärme, dass Kinder (bei aller Besorgnis: ab dem Grundschulalter) hier einen ungleich leichteren Film wahrnehmen dürfen. Einen, in dem die Altersgenossen zwar Probleme haben, in dem es aber vor allem um Freundschaft, (erste) Liebe, Zusammenhalt, Glück und, ja, sogar Spaß am Leben geht.

 

Ähnlich wie beim hinreißenden (aber für Kinder ungeeigneten) Knetanimationsfilm „Mary & Max“ (2009) wird man verblüfft mitgerissen von der emotionalen Ausdruckskraft der in Stop-Motion-Technik belebten Puppen, die hier mit riesigen Augen auf die Wunder und Schrecken der Welt blicken – gezeichnet mit Schatten und Ringen, aber auch hellwach und voller Staunen. Bunte, kräftige Farben verströmen eine Fröhlichkeit, die nie aufgesetzt wirkt, sondern so wahrhaftig, wie eben mitunter auch an schwarzen Tagen die Sonne scheint. Angenehm ruhig schreitet die Erzählung voran, lässt ausgetretene Pfade links liegen und kommt zügig zu einem Ende, das nicht in eine gängige Dramaturgie gepresst und künstlich hinausgezögert wird. Was sich auch deswegen ganz wunderbar trifft, weil Klein und Groß so viel Zeit bleibt, gemeinsam und auf Augenhöhe einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis nachzuhängen. 

 

Trickfilm

Mein Leben als Zucchini, CH/F 2016, 66 Minuten, R Claude Barras, B Céline Sciamma

 

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