Empörung

Winesburg College, Ohio, Anfang der Fünfziger Jahre. Marcus Messner (Logan Lerman) hat sein Studium hierher verlegt, um der heimatlichen Enge von Newark/New Jersey zu entkommen. Als erster Akademiker der Familie stand er dort unter der permanenten sorgenvollen Beobachtung seines Vaters, eines jüdischen Metzgers. Doch Marcus hat sich nicht entzogen, um nun als Student auf den Putz zu hauen.

 

 

 

Der ernsthafte, ehrgeizige junge Mann hat sich voll und ganz der Wissenschaft verschrieben und kann den Amüsements seiner Kommilitonen nichts abgewinnen. Bis er in der Bibliothek Olivias (Sarah Gadon) ansichtig wird. Ein reizendes Geschöpf, das, versunken in der Lektüre, beiläufig mit dem hinreißend über die Stuhllehne gelegten Bein wippt. Marcus ist verzaubert und kaum noch an etwas anderes denken, als Olivia auszuführen. Doch das Date verläuft anders als erwartet. Die sexuelle Erfahrung, die der überraschte Student mit der eleganten, so unschuldig wirkenden Blondine macht, verändert alles.

 

Star-Romancier Philip Roth verfasste die Vorlage zu „Indignation“ (Originaltitel) 2008 mit 75 Jahren. Als Coming-of-Age-Geschichte und die eines erotischen Erwachens wirkt die Geschichte erwartungsgemäß verklärend und ältlich. Interessantere Perspektiven bietet der Stoff als Zeitgemälde. Etwa darauf, wie rigoros in jenem soziokulturellem Umfeld mit weiblicher Sexualität umgegangen wurde. Olivia ist in dieser Hinsicht eine Avantgardistin, die frei mit ihrem Körper und ihrer Lust verfährt. Und das nicht nur bei jenem Akt der Fellatio in Marcus' Auto. Derlei (moralische) Grenzüberschreitung führt hier zwangsläufig zur Degradierung der Delinquentin als Verrückte – Parallelen zu Silvia Plath sind in der Adaption von James Schamus beabsichtigt.

 

Auch an weiteren geistigen Fesseln der McCarthy-Ära arbeitet sich der oft mit Ang Lee kooperierende Drehbuchautor („Der Eissturm“, „Tiger and Dragon“) und Produzent („Brokeback Mountain“) vehement ab. Das führt zu einigen sehr ausführlichen intellektuell-philosophischen Debatten zwischen dem Protagonisten und dem Dekan seiner Hochschule, kraftvoll gespielt von Tracy Letts (der als Darsteller unter anderem aus „Homeland“ bekannt ist und als Dramatiker für „August: Osage County“ den Pulitzerpreis gewann). So fällt Schamus' Debüt als Regisseur mehr kopf- und wortlastig als sinnlich oder gar bildgewaltig aus.

 

Was für eine Roth-Verfilmung jedoch nicht unbedingt die schlechteste Herangehensweise ist und sie durchaus in eine ehrenwerte Reihe mit Vorläufern wie Isabel Coixets „Elegy oder die Kunst zu lieben“ (nach „Das sterbende Tier“) oder Robert Bentons „Der menschliche Makel“ rückt. Maßvolle Empörung mag in diesem Kontext hervorgerufen werden; echte Aufregung sucht man eben woanders. So wenig, wie es Schamus gelingt, überzeitliche Relevanz zu vermitteln, so treffsicher zeigt er sich bei der Besetzung. „Percy Jackson“-Darsteller Logan Lerman erweist sich als ideales Roth-Alter Ego, Sarah Gadon („Enemy“) spielt die Bandbreite ihrer Figur mit unaufgeregter Intensität. (jdü)

 

Drama

Empörung, USA 2016, 111 Minuten, R James Schamus, D Logan Lerman, Sarah Gadon, Tracy Letts

 

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