Die feine Gesellschaft

Ratlos steht das aus Calais beorderte Polizistenduo in den Dünen. Wie kann es nur sein, dass in diesem Sommer des Jahres 1910 immer wieder Touristen verschwinden in der malerischen Landschaft der nordfranzösischen Opalküste? Von dort oben ist der Blick gut, man kann die ärmlichen Behausungen der Fischer ausmachen und ihre Bewohner, wie sie Muscheln sammeln oder Sommerfrischler über die Bucht transportieren. Auf der anderen Seite thront auf einer Klippe das Anwesen der reichen van Peteghems, die gerade mit Kind und Kegel angereist sind, um sich vom aufreibenden Alltag des Adels zu erholen. Wo inmitten dieses gesellschaftlichen Gefälles liegt das schwarze Loch, das all die Vermissten aufzusaugen scheint? Und wer ist verantwortlich?

 

 

 

Die Ausgangslage erlaubt viele Arten, die Geschichte zu entfalten. Als historische Betrachtung der Klassenunterschiede, ernsthaft, tragisch oder gar mit Witz durchzogen. Als opulenter Kostümschinken. Als klassischen Krimi. Bruno Dumonts Film bedient sich durchaus all dieser Elemente – allerdings auf eine Weise, wie man sie kaum für möglich gehalten hätte. Und das nicht nur, weil der Autor und Regisseur („Camille Claudel 1915“, „Humanität“) bisher nicht für humoristisches Erzählen bekannt war. Sein ganz und gar verblüffendes neues Werk jedoch bloß als Komödie zu bezeichnen, wäre grob vereinfacht.

 

Wir haben es hier mit einer Groteske zu tun, als wäre der Geist von Monty Python über den Ärmelkanal geweht, einem gleichsam der Kino-Frühzeit entsprungenen Slapstick-Epos, das wirkt, als wäre es eine überwunden geglaubte Kinderkrankheit, die überraschend zurückkehrt und den Erwachsenen umso rabiater befällt. Mit voller Absicht und sichtlicher Lust hebelt Dumont Konventionen aus, wo es nur geht, dreht alle Regler bis zum Maximum, zeigt dem interpretationswütigen Intellekt die lange Nase und trifft zielsicher ins infantile Spaßzentrum.

 

Sein Ermittlerteam etwa trägt Melonen wie Schulze und Schultze oder Laurel und Hardy, während es sich durch die Handlung tölpelt. Wenn der beleibte Chef zum Strand watschelt, quietscht es, als nähere sich das Michelin-Männchen; wenn es bergab geht, lässt er sich rollen und vom debilen Assistenten wieder aufsammeln. Die Familie um den Fischer und seinen (im Original titelgebenden) Sohn Ma Loute blickt nicht nur schwer zurückgeblieben aus der Wäsche, sondern kommuniziert auch eher im Neandertaler-Stil. Von ihren Tischmanieren ganz zu schweigen.

 

Und dann ist da noch der degenerierte Adel – zum Schreien verkörpert von Juliette Binoche und Valeria Bruni Tedeschi in einer Art Exzentrik- und Hysterie-Wettbewerb, umwieselt von Fabrice Luchini als blutleerer Patriarch mit permanenten motorischen Fehlleistungen. Hut ab, was die Schauspieler hier wagen und erreichen. Indes, auch wenn man sich den Bauch hält, während das Auge verzückt an erlesenen Ausstattungen und Bildern labt oder sich punktuell vor Entsetzen weitet: Anstrengend ist der schrille Reigen schon, vor allem auf Dauer, wenn sich die Gags abnutzen. Aber auch alles andere als gewöhnlich.

 

Komödie

Die feine Gesellschaft, F/D 2016, 122 Minuten, R Bruno Dumont, D Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi, Fabrice Luchini

 

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