Manchester by the Sea

Heimelige Holzhäuser im typischen Neuengland-Stil, gerade so hoch, dass ihre Silhouetten nicht das Schweifen des Blicks über den weiten Himmel stören, durch den die Möwen in schwungvollen Bögen gleiten. Ein malerischer Hafen, in dem längst mehr Boote von Freizeitanglern liegen als von Berufsfischern. Daneben kleine Strände und Inseln in der Bucht von Massachusetts, ein Horizont, der geradezu meditative Wirkung auf aufgewühlte Geister vermittelt. Die Kleinstadt Manchester-by-the-Sea auf der Landzunge Cape Ann wirkt so idyllisch – und doch will Lee Chandler auf keinen Fall mehr dort hinziehen.

 

 

 

Nicht, dass der Hausmeister einer Wohnanlage im Bostoner Vorort Quincy so viel zu verlieren hätte an seinem aktuellen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Seine spartanische Bleibe mag man kaum ein Zuhause nennen, und obwohl er so zurückhaltend auftritt, dass man meint, er wolle am liebsten unsichtbar sein, gerät er immer wieder in Querelen mit lästigen Mietern und renitenten Kneipenbesuchern. Doch Lees nach außen hin unerfreuliches Dasein bietet ihm genau das, was er will: Anonymität, Distanz – einfach in Ruhe gelassen zu werden.

 

Manchester steht in jeder Hinsicht für das Gegenteil. Dort wuchs Lee auf, dort endete ein paar Jahre zuvor seine Ehe und sein bisheriges Leben als Familienvater. Und doch muss der schweigsame Mann an einem grauen Wintertag zurückkehren an den Ort der Erinnerungen, denn sein älterer Bruder Joe hat einen tödlichen Herzanfall erlitten und hinterlässt den 16-jährigen Patrick. Für den soll sein Onkel laut dem letzten Willen des Verstorbenen nun nicht nur die Vormundschaft übernehmen, er hat dazu – so erklärt der Notar – auch in die alte Heimat zurückzukehren. Notgedrungen fügt sich Lee; zumindest bis zur Beerdigung. Doch die muss verschoben werden, bis sich der frostige Boden wieder nachgiebiger zeigt.

 

Parallel zur jahreszeitlichen Erstarrung allen Lebens kann es natürlich auch im Falle des Innenleben des Protagonisten nur eine Frage der Zeit sein, bis der unvermeidliche Prozess des Tauens einsetzt. Allerdings erweist sich der Mann, der seine emotionalen Wunden unter dicken Schutzschichten auf Eis gelegt hat, als mindestens so hartnäckig wie die tiefgefrorene Erde. Dass dieser Mensch nicht rühren will an dem in ihm Verschütteten und vorsichtshalber jeglichen Kontakt zu anderen abblockt, zeigt schon die Körperhaltung. Gekrümmt wie unter einer unvorstellbaren Last zieht er die Schultern einem Schildkrötenpanzer gleich nach vorne, die Hände in den Taschen verborgen, das Gesicht versteinert, der Blick stets ausweichend.

 

Diese Figur ist auf gewisse Weise zugleich Quintessenz und logische Weiterentwicklung aller bisherigen Rollen ihres Darstellers Casey Affleck. Ob als Teufel in Menschengestalt in Michael Winterbottoms Noir-Groteske „The Killer Inside Me“, unterwürfiger Stalker in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ oder untypischer Privatermittler im Krimidrama „Gone Baby Gone“, bei dem sein Bruder Ben als Regisseur debütierte – stets erwies es sich als schwierig, diese jungenhaft sanfte Fassade vollends zu durchschauen. So scheint ihm der vom Schicksal niedergedrückte, fragile, aber zähe, unnahbare Lee wie auf den Leib geschrieben – und wäre doch eigentlich von Matt Damon gespielt worden, der auch Regie führen wollte und dem Projekt als Produzent verbunden blieb.

 

Was für ein Film dies geworden wäre, darüber lässt sich nur spekulieren. Fakt ist, dass Regisseur Kenneth Lonergan, der mit „You Can Count on Me“ (2000) und „Margaret“ (2011) bereits zwei stille Dramen vorlegte, den Stoff mit größtem Feingefühl und beinahe unscheinbar anmutender Abwesenheit von Eitelkeit in Szene setzt. Die Geschichte, die der zweifach für den Oscar nominierte Autor (zwei Jahre nach „You Can Count on Me“ auch für Scorseses „Gangs of New York“) hier mit Besonnenheit und psychologischer Präzision entfaltet, greift nicht zu überraschenden Wendungen und vermeidet Angriffe auf die Tränendrüsen. Dass sie dennoch auf eine langsame, aber nachhaltige Weise Wirkung erzielt, liegt neben der dramaturgischen und ästhetischen Zurückhaltung des Regisseurs vor allem an der Priorität, die er seinen Charakteren und Schauspielern einräumt.

 

Neben dem stillen, würdevollen Leiden, mit dem sich Casey Affleck allmählich in das Zuschauerherz gräbt und das ihm bereits den Golden Globe als bester Hauptdarsteller sowie zahlreiche weitere Nominierungen und Preise einbrachte, schafft es Michelle Williams als Exfrau mit wenigen Szenen ebenso, eine Flut der Gefühle zu vermitteln, die förmlich schmerzt. Beeindruckend ist auch Nachwuchsakteur Lucas Hedges als Neffe, der das Leben, seine Tiefschläge und Höhepunkte mit dem unbeschädigten Mut der Jugend und Humor zu nehmen wagt und damit zum unerwünschten emotionalen Enteiser wird. So überzeugt „Manchester by the Sea“ als authentisch wirkende Studie menschlichen Umgangs mit Trauer und Verlust und differenziertes Porträt familiärer, ja, überhaupt zwischenmenschlicher Verbindungen. Seine Kunst besteht in einer seltenen Kombination von Größe und Bescheidenheit. Ganz leise, doch so voller Wucht.

 

Drama

Manchester by the Sea, USA 2016, 137 Minuten, R Kenneth Lonergan, D Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams, Kyle Chandler

 

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