La La Land

Mit beseeltem Lächeln blickt die Barista der prominenten Kundin hinterher, der sie im Coffee Shop des Filmstudios gerade einen großen To Go überreichen durfte und an der auch die Augen der anderen Gäste hängen, wie sie aus dem Laden schwebt. Ach, könnte Mia die Kellnerschürze doch schon für immer an den Nagel hängen, wäre sie doch am Ziel ihrer Träume und selbst eine anerkannte Schauspielerin. Doch noch will niemand ihr wahres Potenzial erkennen, weder die Café-Chefin, die die Augen rollt, weil Mia schon wieder einen Termin zum Vorsprechen hat, noch das wechselnde Casting-Personal, das die Bewerberin mit falschem Lächeln durchwinkt.

 

 

 

Fehl am Platze und grotesk verkannt trotz Talents und Feuer ist auch Sebastian, der sich unglücklich als Bar-Pianist verdingt, obwohl er sich nichts mehr wünscht als einen eigenen Jazz-Schuppen. Der Chef verbittet sich Eskapaden und verlangt genau jenen Fahrstuhl-Klangteppich, der die Kundschaft nicht beim Konsumieren und Plaudern tangiert und den ein Vollblutmusiker nur hassen kann. Zu vorgerückter Stunde, als alle noch weniger hinhören, schmuggelt Sebastian eine kleine eigene Komposition ein. Ein melancholisches Stück, das, nach draußen gesickert auf die fast menschenleere Straße, in einem Ohr hängenbleibt.

 

Instinktiv angezogen wie ein Nachtfalter vom Licht steht nun Mia in der Bar. Nichts anderes nimmt sie mehr wahr als die Musik und den Mann, aus dessen Fingern sie fließt. Auch er bemerkt sie. Doch dann setzt er dem Moment ein Ende, so brüsk, dass es schon absurd anmutet. Und obwohl schon die allererste Sekunden-Begegnung der beiden im Stau auf dem Freeway – unter energischem Einsatz einer Hupe und eines Mittelfingers – barsch verlief, und weder Mia noch Sebastian auf Partnersuche waren, werden sie bald zusammen sein. Das Traumpaar schlechthin und in vielerlei Hinsicht, das miteinander zu Höhenflügen abhebt.

 

Wobei mit letzterem nicht nur die wechselseitige Inspiration dieser Künstlernaturen gemeint ist. In einer der verblüffendsten und romantischsten Szene des Films, die seine Zuschauer polarisiert in die, die beglückt aufseufzen und jene, die spätestens jetzt das Weite suchen wollen, lässt Damien Chazelle seine Protagonisten tatsächlich fliegen. Emma Stone und Ryan Gosling an unsichtbaren Drähten unter der Kuppel des berühmten Griffith Observatoriums in himmlischer Ekstase Walzer tanzend – das hätte man nicht unbedingt erwartet von dem Mann, in dessen Regiedebüt „Whiplash“ J. K. Simmons als Lehrer aus der Hölle Schlagzeugbecken und F-Worte nach seinem Schüler schleuderte. Und doch ist in beiden Geschichten des jungen Autors und Regisseurs (Jahrgang 1985) ein ähnlicher Kern auszumachen.

 

Es geht um die Frage, ob Kunst aus Schmerz entstehen muss. Während sie in der Story um den Nachwuchs-Drummer roher und direkter behandelt wurde, weitet Chazelle nun den Blick, bezieht die Liebe in einem umfassenderen Sinne ein. Nun geht es nicht mehr nur darum, was man gibt für die eine Sache, für die man brennt, sondern auch, welche Rolle dieser eine Mensch dabei spielt, an den man sein Herz verliert. Und, schließlich, ob man auf Dauer mit gleicher Intensität zwei Leidenschaften frönen kann, der romantischen und der kreativen.

 

Bevor Mia und Sebastian an diesen Punkt gelangen, mit dem Herbst die dramatische Krise heranzieht und man sich wieder einmal fragt, warum die schönsten Liebesgeschichten die sein müssen, die an entscheidender Stelle weh tun, dürfen wir den Rausch miterleben. Einen bunten, mitreißenden, überwältigenden Trip ins La La Land, wie nicht nur L.A. genannt wird, die Heimat der Traumfabrik, sondern auch das metaphorische Reich aller Träumer - Paradies und Wolkenkuckucksheim, das jeder schon mal betreten durfte, der verliebt war oder auf andere Weise bar jeder Vernunft. Und welche Form eignete sich wohl besser für die Erkundung jenes Zustands als das (Film-)Musical?

 

Durch diese wundersame Welt zwischen Fantasie und Realität, in der Menschen im Schwange ihrer Emotionen unvermittelt in Gesang und Tanz ausbrechen als wäre das völlig normal, führt Damien Chazelle uns und seine Figuren auf virtuose Weise und mit unbändiger Detailfreude. Während er sich verbeugt vor Meilensteinen wie Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“, „Singin' in the Rain“ oder den heißgeliebten Klassikern mit Fred Astaire und Ginger Rogers, modernisiert er das Genre auf ähnlich liebevoll begeisterte und begeisternde Weise wie das vor wenigen Jahren „The Artist“ mit dem Stummfilm tat.

 

„La La Land“, das ist ein Sinnes- und Glückstaumel aus kühnen, eleganten Kameratänzen, einem unwiderstehlichen Soundtrack mit überbordenden Revue-Nummern und kleinen melodischen Juwelen, der abwechselnd die Füße wippen lässt, verzücktes Grinsen hervorzaubert und das Herz bewegt, irrwitzigen Choreografien wie der fulminanten Eröffnungssequenz auf einer Freeway-Kreuzung oder dem Stepptanz für zwei in den Hollywood Hills, eine Feier der farbenprächtigen Kostüme und unvergesslichen Sets. Und, getragen von all dem, ein Wunderwerk schauspielerischer Strahlkraft.

 

Es ist kaum vorstellbar, wer sonst außer Emma Stone und Ryan Gosling so geschmeidig in die Rollen hätte schlüpfen können, inklusive ihres gerade nicht überperfektionierten, aber so charmanten Gesangs und Tanzes. Nicht nur, weil die Chemie zwischen ihnen unmittelbar Funken schlägt, die geradezu über die Leinwand hinaus sprühen. Sondern weil beide Darsteller jene klassische Star-Qualität besitzen, die betörend wirkt, allein wenn sie bloß mit ihren unglaublichen Augen alles zum Ausdruck bringt oder er mit seinem hintergründigen Lächeln eine einzigartige Mischung aus Zeitlosigkeit und Modernität vermittelt, wie sie auch dem ganzen Film innewohnt. Ihre Mia und sein Sebastian, diese einmal so herzzerreißend besungenen, träumenden Narren, sind pure, hell leuchtende Hollywood-Magie, die sich abhebt aus dem Grau der Realität wie jenes Licht, das die Motten so in den Bann zieht.

 

Musical

La La Land, USA 2016, 128 Minuten, R Damien Chazelle, D Emma Stone, Ryan Gosling, J. K. Simmons, John Legend

 

Zur Filmwebsite

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0