Moonlight

Was soll schon aus diesem Jungen werden? Chiron (Alex R. Hibbert), der so klein und schmächtig ist, dass ihn die anderen Kinder verächtlich „Little“ nennen, wächst im Miami der Achtziger Jahre auf. Doch auch wenn überall Palmen im warmen Wind wehen und das Meer nicht weit entfernt ist, hat der Fleck Erde, auf dem der junge Protagonist lebt, wenig mit der Metropole aus „Miami Vice“ gemein. Chiron lebt nicht auf der pastell- und neonfarbenen, sondern auf der dunklen Seite. Da, wo Crockett und Tubbs nur zum Arbeiten hin müssen – wo die Dealer ihr mieses Handwerk betreiben und die Süchtigen in Bruchbuden hausen.

 

 

 

Auch seine Mama Paula (Naomie Harris) ist ein Junkie. Was den Jungen dazu zwingt, auf sich allein gestellt in dem rauen Umfeld zurechtzukommen. Wie an dem Tag, als die Mitschüler ihn mal wieder zum Opfer auserkoren haben und jagen. Chiron versteckt sich in einem verlassenen Haus. Dort findet ihn Juan (Mahershala Ali). Doch der Mann, der das in Todesangst verstummte Kind vor seinen Peinigern rettet – der ist ein Drogendealer. Spätestens an diesem Punkt scheint Chirons Schicksal besiegelt, die eigene Karriere im brutalen Geschäft mit illegalen Substanzen vorgezeichnet.

 

Doch auch, wenn der fragile Junge wahrlich nicht an einen Heiligen geraten ist, hat er es auch nicht mit einem Barbaren zu tun. Sondern mit einem, der ihm sanft zuredet und zu essen gibt wie einem Tier, das gezähmt werden soll, der ihn sogar in seinem Heim schlafen lässt. Ausgerechnet von diesem Kriminellen erfährt Chiron das erste Mal überhaupt Fürsorglichkeit. Mehr noch: Juan wird zu einem Mentor, der dem Kind, gemeinsam mit seiner Frau, ein emotionales Zuhause gibt, ihm Respekt und Liebe vorlebt und so einen Grundstein legt, der Chiron für immer erhalten bleiben wird.

 

Nicht weniger als diese Elemente höchster Bedeutsamkeit in der Kindheit – dem jungen Menschen Wurzeln und Flügel zu geben – erfasst „Moonlight“ im ersten von drei Filmkapiteln, betitelt mit dem Spitznamen, mit dem der Protagonist gehänselt wird, eben „Little“. Dies gelingt in so konzentrierter Form, weil das Drehbuch mittels der Handlung – über Aktionen und mit wenig Dialog – eine Phase in dieser erfundenen, doch wahrhaftig wirkenden Biografie fokussiert, in der an den Stellschrauben der Identität gedreht wird. In der Inszenierung werden diese Momente zu ikonischen Bildern, wobei das nachhaltigste von ihnen jene „Tauf-Szene“ ist, die schon still, als Einzelaufnahme, enorme Wirkung erzielt.

 

Darin trägt Mahershala Ali, der sicher auch wegen der unterschwelligen visuellen Kraft jenes Akts als bester Nebendarsteller mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, Alex R. Hibbert im Wasser auf den Armen wie Johannes der Täufer den Messias. Wiewohl religiös konnotiert, ist diese Schwimmstunde im türkisfarbenen Atlantik vor allem eine Verbildlichung von kindlicher Glückseligkeit und Urvertrauen. Schwebende Leichtigkeit zu erleben und gleichzeitig in vollkommener Sicherheit zu sein – welches Geschenk könnte größer sein?

 

Dass Regisseur Barry Jenkins, sein Kameramann James Laxton sowie seine Schnittmeister Nat Sanders und Joi McMillon (allesamt oscarnominiert) auf höchstem Niveau bildsprachlich kommunizieren können, macht auch die beiden weiteren Kapitel schon optisch zu einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis. Allein wie gewagt hier mit Farbe und Licht gearbeitet wird sieht man so nicht oft. Dazu kommt die opulente Filmmusik von Nicholas Britell (ebenfalls eine Oscarnominierung), die mit klassischer Instrumentierung und Komposition auf dramatische, manchmal grenzwertige Weise emotionale Intensität unter das Geschehen legt. Auch hier werden Erwartungen unterlaufen, wenn eben kein Hiphop zur Unterstreichung eingesetzt wird.

 

Doch auch wenn dieser gestalterische Rahmen von erlesener Qualität ist – zu einer Besonderheit wird „Moonlight“ zum einen wegen der Schauspieler. Neben dem zu Recht prämierten Ali zeigt auch Naomie Harris (Daniel Craigs Ms. Moneypenny) eine Leistung, die sich einprägt. Perfekt wie selten besetzt sind die talentierten Darsteller von Chiron (und seinem besten Freund) in Kindheit, Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter – wobei Alex R. Hibbert, Ashton Sanders und Trevante Rhodes einander gar nicht auffällig ähneln, aber in ihrem Ausdruck so verwandt scheinen, dass man selbst beim Filmplakat nicht auf Anhieb bemerkt, dass es sich aus drei verschiedenen Gesichtern zusammensetzt. Das führt erstaunlicherweise dazu, dass man eine Entwicklung fast wie Linklaters „Boyhood“ mitzuverfolgen meint.

 

Zum besten Film des Jahres wurde die Adaption des Theaterstücks „In Moonlight Black Boys Look Blue“ aber wohl aufgrund seiner Geschichte. Womit gar nicht die politischen Implikationen gemeint sind, dass sie von einem schwarzen Charakter (Stichwort: #oscarssowhite) handelt – hier wären „Fences“ und „Hidden Figures“ geeignetere Kandidaten gewesen - und dieser sich auch noch als homosexuell herausstellt. Wovon hier erzählt wird, ist universeller. Es geht um nicht weniger als darum, wie sich eine zarte Seele inmitten von harten Bedingungen entfalten kann. Dass der Mensch dem Menschen Wolf ist, wird hier mit schmerzhafter Wucht deutlich. Das Individuum, das sich von „Little“ über „Chiron“ zu „Black“ wandelt, wird früh und immer wieder in seiner außerordentlichen Verletzlichkeit attackiert – bis es lernt, sich mit einem Panzer zu schützen. Erst wenn er es wagt, das Licht des Mondes in seine Dunkelheit, auf seine wahres Ich, scheinen zu lassen, kann aus dem Jungen der werden, der er ist.

 

Drama
USA 2016, 111 Minuten, R Barry Jenkins, D Mahershala Ali, Naomie Harris, Janelle Monáe

 

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