Passengers

Der „Hibernation Pod“ springt leise an, fährt seinen Passagier langsam in eine aufrechte Position und leitet die Rückkehr aus dem künstlich induzierten Tiefschlaf ein. Als Jim Preston mit einem langen Atemzug erwacht, fühlt er sich desorientiert. Das sei ganz normal, beruhigt ihn das weibliche Hologramm in seiner Schlaf-Ellipse. Auch eventueller Schwindel, so verspricht die freundliche Stimme, die den geschwächten Mann zu seiner Kabine dirigiert, lege sich bald. Nach ein paar Stunden echtem Schlaf fühlt sich Jim besser und bereit, zur Einweisung mit den neuen Teamkollegen anzutreten. Im Versammlungsraum fällt ihm endlich auf, was wir als Zuschauer seit den ersten Bildern aus dem Inneren des Raumschiffs Avalon wissen: Passagier James Preston ist ganz alleine hier oben.

 

 

 

Abgesehen natürlich von den 5000 anderen Fluggästen plus Besatzung, die die 120 Jahre dauernde Reise von der Erde zum sehr weit entfernten Planeten Homestead II angetreten haben, um dort dereinst als erste Kolonisten den Neuanfang zu wagen. Nur fliegt die Avalon plangemäß auf Autopilot und alle menschlichen Körper an Bord sind auf Winterschlaf heruntergeregelt. Und durch eine Fehlfunktion ist nur Jim zu früh geweckt worden. Er hätte noch 90 Jahre ruhen sollen. Selbst, als der Maschinenbauingenieur aus Denver herausfindet, wie man eine Nachricht an die Betreiber von Homestead und Avalon senden kann, hilft das wenig. Zwar ist die Videobotschaft erstaunlich schnell abgeschickt, doch dann folgt das ernüchternde Sendeprotokoll. Es wird Jahrzehnte dauern, bis eine Antwort kommen könnte. Gebühr für diesen Service: Über 6000 Dollar.

 

Der erste Akt der Space-Robinsonade ist voll von solchen bösen kleinen Gags, die auf Kosten des Protagonisten gehen, jedoch das Drama auf bewährte amerikanische Art auflockern. Nur nicht den Sportsgeist verlieren, auch wenn man so einsam wie Major Tom durchs All trudelt und wohl auch in dieser interstellaren Isolationshaft sterben wird. Also arrangiert sich Jim relativ schnell mit seiner Situation und nutzt die vielfältigen Angebote, die die Luxus-Raumfähre zu bieten hat. Fitnesstraining, Spiel und Spaß im Freizeitcenter, Dinner in internationalen Restaurants, wo er bald mit den Service-Robotern auf Du und Du ist. Die einzige quasi-humanoide Ansprache erhält Jim von Arthur, dem Barkeeper ohne Unterleib, einem Cyborg. Doch der Mensch ist ein soziales Tier, und so verfällt unser Weltraumschiffbrüchiger schließlich in dumpfes Brüten und schleicht mit wucherndem Haupt- und Gesichtshaar durch die Gänge. Auftritt Aurora Lane. Auch die New Yorker Journalistin ist zu früh geweckt worden.

 

Bis zum Finale wird es noch einige Wendungen geben, die der Handlung immer wieder Kurskorrekturen verpassen, die man nicht unbedingt erwartet hätte. So wandelt sich die Robinsonade zunächst zur Romanze, und dann wieder zum mit Justizelementen versetzten Drama, um schließlich über eine Sci-Fi-Action-Abenteuer-Strecke bei einer melancholischen Utopie zu landen. Das wirkt ambitioniert, zumal unterwegs moralphilosophische Stromschnellen zu bewältigen sind, die nicht weniger beinhalten als einige große Fragen zum Menschsein an sich und dem Sinn des Lebens, zum freien Willen, zur Liebe und zum generellen Miteinander unserer Spezies. Dabei schrumpft die gigantische Avalon allerdings schnell zur Nussschale.

 

Anders als jüngere Genre-Werke wie Denis Villeneuves „Arrival“, Christopher Nolans „Interstellar“ oder die Beinahe-One-Man-Shows „Moon“ mit Sam Rockwell und „Der Marsianer“ mit Matt Damon, steht hier keine Erzählung mit Tiefe und Intelligenz im Mittelpunkt. Was schade ist, weil der Stoff, der zehn Jahre in der Entwicklungshölle unverfilmter Drehbücher lag, so viel mehr hergegeben hätte. Sony Pictures, die sich schließlich die Rechte sicherten und den Norweger Moren Tyldum (oscarnominiert für „The Imitation Game“) mit der Regie beauftragten, waren offenbar eher interessiert an einem Hochglanzprojekt; einem Starvehikel, das in erster Linie ordentlich Kasse machen soll. Und so würde man das Ergebnis auch eher in eine Reihe stellen mit Sciencefiction-Produktionen wie „A World Beyond“ mit George Clooney, „Oblivion“ mit Tom Cruise oder „After Earth“ mit Will Smith. Auf eine oberflächliche Weise zeitlich begrenzt unterhaltsam.

 

Sichtlich teuer und ziemlich schick ist schon alles an Bord der Avalon. Man begleitet die Figuren mit Vergnügen durch die cool designten Räume, in die elegante Bar, die so sehr an Kubricks „Shining“ erinnert, in eine zweistöckige Luxus-Suite im Apple-Style oder den sensationellen Pool mit Kugelfenster und All-Blick. Preisverdächtig sind auch die Kostüme, vor allem die von Aurora, und unzählige Gimmicks und nette Details bereiten so viel Spaß wie die neuesten Technik-Spielereien, die man auf einer Fachmesse bewundert. Die ethischen Fragen, die in diesem Ambiente gereicht werden, wirken dann allerdings so aufgesetzt wie das programmierte Lächeln des ewig die Gläser polierenden künstlichen Menschen.

 

Dieser ist ein fabelhafter Hingucker, ein einnehmender Mix aus 1a-Tricktechnik und schauspielerischem Charisma, das Michael Sheen mit britischem Charme versprüht. Man kann sich gut vorstellen, dass sein Arthur eine der wenigen bleibenden Erinnerungen an „Passengers“ sein wird. Jennifer Lawrence und Chris Pratt machen nichts verkehrt und sind auch ein hübsches Paar. Doch eine emotionale Verbundenheit mit ihren Charakteren mag sich nicht recht einstellen. Man bleibt ähnlich unberührt von beider Schicksal, als wären auch sie nicht mehr als Hologramme.

 

Sciencefiction

Passengers, USA 2016, 116 Minuten, R Morten Tyldum, D Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen

 

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