Neu im Kino

 

 

Filmkritiken, die ich für den Kölner Stadt-Anzeiger schreibe, erscheinen immer donnerstags im Kino-Magazin und werden hier (mit dem Tag "KStA") laufend aktualisiert.

 

Ebenfalls donnerstags im Magazin und im Laufe des Tages dann bei mir auf FaceBook:

Der Kölner Kritikerspiegel - für den schnellen Überblick  mit Punktwertungen.


The Dinner

 USA 2017, 120 Minuten, R Oren Moverman, D Richard Gere, Laura Linney, Steve Coogan, Rebecca Hall

Bei diesen Vieren kommt einiges auf den Tisch (Bild: Tobis Film)
Bei diesen Vieren kommt einiges auf den Tisch (Bild: Tobis Film)

Überambitionierte, nicht gänzlich überzeugende Adaption eines gesellschaftskritischen Bestsellers mit tollen Schauspielern.

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Born to Be Blue

CAN/GB 2015, 97 Minuten, R Robert Budreau, D Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie

Cool cat im Birdland (Bild: Alamode Film)
Cool cat im Birdland (Bild: Alamode Film)

 Visuell, musikalisch und schauspielerisch einnehmendes, zartbitteres Porträt abseits gängiger Biopic-Muster.

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In Zeiten des abnehmenden Lichts

D 2017, 101 Minuten, R Matti Geschonneck, D Bruno Ganz, Hildegard Schmahl, Sylvester Groth

Hätte den mal der Sascha aufgebaut ... (Bild: Hannes Hubach / X-Verleih)
Hätte den mal der Sascha aufgebaut ... (Bild: Hannes Hubach / X-Verleih)

Wo bleibt Sascha? Es scheint, als sei der abwesende Enkel des großen Mannes die zweite Hauptfigur an jenem bedeutsamen Tag. Nur Sascha verstehe es, das überdimensionierte Monstrum von Festtafel, ein widerspenstiges Möbel mit Nazi-Vergangenheit, vernünftig aufbauen.

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Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

 

USA 2017, 99 Minuten, R Ry Russo-Young, D Zoey Deutch, Logan Miller

 

Ihre Angst: die Wiederholung (Bild: Verleih)
Ihre Angst: die Wiederholung (Bild: Verleih)

Bei ihr hakt nicht der Murmeltiertag, sondern der „Cupid's Day“, eine Art Vorbote des Valentinstags, an dem die Menge der Rosen, die man in der Schule geschenkt bekommt, als Gradmesser der Popularität fungiert. Über mangelnde Beliebtheit muss sich Protagonistin Sam (Zoey Deutch) keine Sorgen machen. Darüber, dass sie immer und immer wieder am Morgen jenes 12. Februar erwacht, schon.

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Die Reste meines Lebens

D 2016, 108 Minuten, R Jens Wischnewski, D Christoph Letkowski, Luise Heyer, Ulrike Kriener

 

Schimon und sein Großvater (Bild: Verleih)
Schimon und sein Großvater (Bild: Verleih)

Schimon weiß, seit er ein kleiner Junge war, wie beiläufig der Tod kommen und was er mitunter für banale Geräusche mit sich bringen kann. Als sein Opa dem Sterben entgegenging, war das schon früh für sein Tonbandgerät entbrannte Kind nicht nur bis zum letzten Moment dabei; es fing das einschneidende Ereignis ebenso mit dem Mikrofon ein wie die Weisheiten des Großvaters.

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Song to Song

USA 2017, 129 Minuten, R Terrence Malick, D Ryan Gosling, Rooney Mara, Michael Fassbender, Natalie Portman

Der neue Malick: Tänzeln auf glatten Oberflächen (Bild: Verleih)
Der neue Malick: Tänzeln auf glatten Oberflächen (Bild: Verleih)

Faye (Rooney Mara) und BV (Ryan Gosling), aufstrebende Talente der Musikszene Austins, verlieben sich auf einer Party des einflussreichen Produzenten Cook (Michael Fassbender) ineinander. Die Affäre, die Faye außerdem mit Cook hat, entwickelt sich in ein kompliziertes Dreiecksverhältnis, das alle Beteiligten schließlich in Beziehungen mit anderen Menschen treibt.

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Jahrhundertfrauen

USA 2016, 118 Minuten, R Mike Mills, D Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup

Sieht aus wie Jeans-Werbung, aber: Was für ein Ensemble! (Bild: A24)
Sieht aus wie Jeans-Werbung, aber: Was für ein Ensemble! (Bild: A24)

Braucht es einen Mann, um einen Mann aus einem Jungen zu machen? Dorothea (Annette Bening), Abbie (Greta Gerwig) und Julie (Elle Fanning) unterscheiden sich durchaus in ihren Ansichten zum Thema.

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Zwischen den Stühlen

D 2016, 102 Minuten, R + B Jakob Schmidt

Die leidige Notendiskussion (Bild: Weltkino)
Die leidige Notendiskussion (Bild: Weltkino)

Mit der Vereidigung beginnt der Vorbereitungsdienst der angehenden Staatsangestellten. Danach wird angestoßen. Die Kamera rückt ganz nahe heran: In einem der Sektgläser treibt reglos eine Wespe, magisch angezogen von dem, was ihr nach viel Strampeln und Rudern dann doch jegliche Kraft raubte.

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Berlin Rebel High School

D 2017, 92 Minuten, R Alexander Kleider

Rebellisch oder nur durchs Raster gefallen? (Bild: Verleih)
Rebellisch oder nur durchs Raster gefallen? (Bild: Verleih)

An diesem Institut zur Erlangung der mittleren und der Hochschulreife ist zwar so einiges anders als an herkömmlichen Schulen, doch sie trägt nicht wirklich den schillernden Namen, den der Filmtitel suggeriert, sondern heißt nüchtern SFE Berlin – Schule für Erwachsenenbildung.

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Sieben Minuten nach Mitternacht

USA/GB/E 2016, 108 Minuten, R J.A. Bayona, D Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

Conor (Lewis MacDougall) und das Monster (Stimme: Liam Neeson) (Bild: Verleih)
Conor (Lewis MacDougall) und das Monster (Stimme: Liam Neeson) (Bild: Verleih)

Die Finsternis. Der Abgrund. Die Hände, die ihm entgleiten, so sehr er sie auch umklammert. Conor O'Malley (Lewis MacDougall) hat diesen wiederkehrenden Albtraum, aus dem er immer kurz vor dem entsetzlichen Höhepunkt schweißgebadet, mit rasendem Herzen hochfährt. Doch auch im Wachzustand ist das Leben des Dreizehnjährigen kein Zuckerschlecken.

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Ich. Du. Inklusion.

 D 2017, 91 Minuten, R Thomas Binn

Die erste Inklusionsklasse in Uedem/Kreis Kleve (Bild: Verleih)
Die erste Inklusionsklasse in Uedem/Kreis Kleve (Bild: Verleih)

„Willkommen an der Tierschule“, sagt ein als Erdmännchen verkleidetes Mädchen. „Hier werden die Tierkinder auf ihr Leben vorbereitet. Das ist keine einfache Aufgabe“, liest ein anderes, zur Katze geschminktes Mädchen vor. „Denn von der Fliege bis zum Nashorn bringen die Tiere ganz unterschiedliche Eigenschaften mit.“

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5 Frauen

D/F 2016, 98 Minuten, R Olaf Kraemer, D Julia Dietze, Odine Johne, Anna König, Korinna Krauss, Kaya Marie Möller

Hier ist etwas Schreckliches passiert (Bild: Verleih)
Hier ist etwas Schreckliches passiert (Bild: Verleih)

Endlich mal wieder ein langes Wochenende unter Freundinnen, ganz ohne Männer. Das zumindest war der Plan, doch das andere Geschlecht drängt nicht nur in Form traumatischer Erinnerungen in das Idyll.

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Victoria - Männer und andere Missgeschicke

 F 2016, 97 Minuten, R Justine Triet, D Virginie Efira, Vincent Lacoste, Melvil Poupaud

Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs (Bild: Verleih)
Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs (Bild: Verleih)

Ein Wohnzimmer mit Pantry-Küche und Essecke, in dessen einer Ecke sich die Gerichtsakten stapeln, während die andere von Kindermöbeln und Spielsachen eingenommen wird. So voll und durcheinander wie dieser Raum ist, spiegelt er das gesamte derzeitige Leben von Victoria wieder.

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Gimme Danger

USA 2016, 108 Minuten, R Jim Jarmusch, D Iggy Pop, Ron Asheton, Scott Asheton, James Williamson

Mr. Osterberg, ausnahmsweise ziemlich bekleidet (Bild: Verleih)
Mr. Osterberg, ausnahmsweise ziemlich bekleidet (Bild: Verleih)

„Wir sind an einem geheimen Ort und befragen Jim Osterberg über die Stooges, die größte Rock'n'Roll-Band überhaupt“, spricht trocken eine Stimme aus dem Off, während der ältere Herr vor der Kamera in einer unordentlichen Fensterecke mit den Augenbrauen und den Zehen in seinen Gummilatschen wackelt. Unspektakulärer als Jim Jarmusch und sein langjähriger Kollaborateur („Dead Man“, „Coffee and Cigarettes“), der besser unter seinem Künstlernamen Iggy Pop bekannt ist, kann man einen Musik-Dokumentarfilm kaum aufzäumen. Später geben sie sich beide etwas mehr Mühe.

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Happy Burnout

D 2017, 103 Minuten, R André Erkau, D Wotan Wilke Möhring, Anke Engelke, Julia Koschitz

Alexandra (Anke Engelke), die Therapeutin, stellt Fussel (Wotan Wilke Möhring) zur Rede. © Thomas Kost, 2016
Alexandra (Anke Engelke), die Therapeutin, stellt Fussel (Wotan Wilke Möhring) zur Rede. © Thomas Kost, 2016

Müsste man ihm ein Arbeitszeugnis ausstellen, so könnte man über Andreas Poschka (Wotan Wilke Möhring) schreiben, er sei stets bemüht um Kontinuität, zeige gutes Einfühlungsvermögen und sei immer gesellig.

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Stille Reserven

A/D 2016, 95 Minuten, R Valentin Hitz, D Clemens Schick, Lena Lauzemis, Stipe Erceg

 

Wenn der Assekuranzagent (Clemens Schick) aus dem System fällt © Camino Filmverleih
Wenn der Assekuranzagent (Clemens Schick) aus dem System fällt © Camino Filmverleih

Schöne neue Welt? In einer unbestimmten nahen Zukunft hat die Medizin Gevatter Tod immerhin so weit ein Schnippchen schlagen können, dass dieser in den meisten Fällen erst nach 200 Lebensjahren eines Menschen zum Zuge kommt.

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The Founder

USA 2016, 115 Minuten, R John Lee Hancock, D Michael Keaton, John Carroll Lynch, Nick Offerman, Laura Dern

 

Ray Croc (Michael Keaton) ist am Ziel © splendid-film
Ray Croc (Michael Keaton) ist am Ziel © splendid-film

Wer hat's erfunden? Wenn saunierende Finnen in der Werbung Lügenmärchen erzählen, zupft ihnen ein Anzugträger mit weißem Kreuz auf rotem Schlips so lange am Handtuchzipfel, bis sie reumütig die Wahrheit über die berühmten Schweizer Kräuterzucker ausspucken. Im Falle des weltweit umsatzstärksten Fast-Food-Konzerns verlief die Geschichte etwas anders.

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Zu guter Letzt

USA 2017, 108 Minuten, R Mark Pellington, D Shirley MacLaine, Amanda Seyfried, Annjewel Lee Dixon

 

 

Harriet Lauler (Shirley MacLaine) hat auch im Radio gerne das letzte Wort © 2017 Tobis
Harriet Lauler (Shirley MacLaine) hat auch im Radio gerne das letzte Wort © 2017 Tobis

Wie sie da im Fenstersturz steht, die Arme verschränkt, angestrahlt von der Helligkeit im Vorgarten, eingerahmt vom Dunkel des Zimmers – schon dieses Eröffnungsbild verrät viel. Man assoziiert die Form eines Sarges, denkt an das Licht, das Sterbende beim Übergang ins Jenseits sehen und angesichts der oberlehrerhaften Pose auch an eine Aufseherin. Und richtig: Harriet Lauler ist eine ebenso hochbetagte wie wohlhabende Dame, die es gewohnt ist, das letzte Wort zu haben.

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Die Hütte

USA 2017, 132 Minuten, R Stuart Hazeldine, D Sam Worthington, Octavia Spencer, Radha Mitchell

 

Schön gelegen ist sie ja ... © 2017 Concorde Filmverleih GmbH
Schön gelegen ist sie ja ... © 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Ein kurzer Brief reißt ihn jäh aus seiner tiefen Depression und stellt alles auf den Kopf. Familienvater Mack (Sam Worthington) trauert seit Jahren um seine jüngste, von einem Serienmörder entführte Tochter. Jetzt soll er in die Hütte kommen, wo man ihr blutiges, zerrissenes Kleid fand. Fordert der Unterzeichner des Briefes: Papa. Doch Macks Vater, ein gewalttätiger Alkoholiker, ist längst tot. Papa, so nennt seine Frau Nan (Radha Mitchell) nur einen. Gott.

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Free Fire

GB/F 2016, 90 Minuten, R Ben Wheatley, D Bree Larson, Sam Riley, Cilian Murphy, Armie Hammer

© splendid film
© splendid film

Ort: Eine Lagerhalle in Boston. Zeit: An einem Abend in den Siebzigern. Personen: Eine Frau. Neun Männer. Schusswaffen: In unbekannter Anzahl. Das Setting ist simpel, und doch droht man bald die Übersicht zu verlieren.

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Una und Ray

Drama

CAN/GB/USA 2016, 94 Minuten, R Benedict Andrews, D Rooney Mara, Ben Mendelsohn, Ruby Stokes

 

 

Rooney Mara und Ben Mendelsohn als Una und Ray © Weltkino
Rooney Mara und Ben Mendelsohn als Una und Ray © Weltkino

„Mit wie vielen Dreizehnjährigen hattest du noch Sex?“ Das ist die Frage, die ihn am Gehen hindert, die sie nicht nur aus strategischen Gründen stellt, um die sich hier alles dreht. Una und Ray sind zum ersten Mal nach 15 Jahren aufeinander getroffen.

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Die versunkene Stadt Z

Abenteuer

USA 2016, 140 Minuten, R James Gray, D Charlie Hunnam, Robert Pattinson, Tom Holland

 

Charlie Hunnam als Fawcett im bolivianischen Dschungel. Bild: Verleih
Charlie Hunnam als Fawcett im bolivianischen Dschungel. Bild: Verleih

Als ihn die Royal Geographical Society 1906 das erste Mal zur Vermessung der Terra incognita in den südamerikanischen Dschungel entsendet, tritt der britische Oberstleutnant noch aus militärisch geschultem Pflichtgehorsam die weite, lange Reise an. Es bleibt nicht seine letzte, denn irgendwo im Herzen des Regenwalds fängt Percy Fawcett Feuer.

 

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Life

Science-Fiction

USA 2017, 103 Minuten, R Daniel Espinosa, D Jake Gyllenhaal, Rebecca Ferguson, Ryan Reynolds

Is there life on Mars? Das fragt sich die Menschheit nicht erst seit David Bowies Song von 1971, dem Jahr, in dem die erste sowjetische Sonde auf dem roten Planeten landen konnte. Seitdem wurde viel entdeckt auf dem unseren so nahen und ähnlichen Himmelskörper. Wasser etwa, das Element, aus dem wir Erdbewohner einst kamen. Methan auch, das von Mikroben stammen könnte. Nach denen bohrten NASA und ESA – nicht nur in Science-Fiction-Filmen –, und werden dies weiter tun. Das europäische Raumfahrtprogramm Aurora geht davon aus, den ersten Menschen im Jahr 2033 auf den Mars schicken zu können.

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Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens

Dokumentarfilm

CH 2016, 92 Minuten, R Nicolas Wadimoff

Jean Ziegler in Leipzig. Bild: W-film Verleih
Jean Ziegler in Leipzig. Bild: W-film Verleih

Was er stets in seinen Unterlagen bei sich trägt: die Erklärung der Menschenrechte, den World Food Report und vor allem diese schrecklichen Bilder. Von Kindern, deren Gesichter durch eine Krankheit zerstört sind, die vor allem in Entwicklungsländern vorkommt. Dass der Hunger, ausgelöst durch soziale Ungerechtigkeit, also politische und wirtschaftliche Missstände, sein größter Feind ist – daran will sich Jean Ziegler immer erinnern, auch wenn er sich mal müde und weniger motiviert fühlt auf seiner Mission.

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Mit Siebzehn

Anspannung zwischen Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein). Bild: Kool Filmdistribution.
Anspannung zwischen Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein). Bild: Kool Filmdistribution.

Drama

F 2016, 116 Minuten, R André Téchiné, D Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein, Corentin Fila

Was gibt es Schlimmeres für unsere Spezies, als abgelehnt zu werden von der Gruppe? Die Keimzelle demütigender Erfahrungen scheint dabei in der Schulzeit zu liegen. Im Sportunterricht etwa. Wenn Mannschaften zusammengestellt werden und man bis zum Schluss auf der Bank sitzen gelassen wird und schließlich wohl oder übel in ein Team gerufen wird – was das für bittere Momente waren.

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Wilde Maus

Tragikomödie

A 2016, 103 Minuten, R Josef Hader, D Josef Hader, Pia Hierzegger, Georg Friedrich, Jörg Hartmann

"Bist angerannt irgendwo?" Muss sich Pia Hierzegger von Josef Hader fragen lassen. Bild: Wega Film/Majestic.
"Bist angerannt irgendwo?" Muss sich Pia Hierzegger von Josef Hader fragen lassen. Bild: Wega Film/Majestic.

Nein, nicht Jack White, der Schlagerfuzzi aus den Siebzigern. Die junge Kollegin schüttelt fassungslos den Kopf. Georg (Josef Hader) hingegen juckt es herzlich wenig, dass irgendein Gitarrist sein Riff, das alle Welt in den Fußballstadien grölt, von Anton Bruckner abgekupfert haben soll. Als renommierter Musikkritiker und Feuilletonchef einer großen Wiener Tageszeitung lächelt er milde über derlei Banalitäten. Dumm nur, dass es die junge Redakteurin mit ihrer eher in die Breite denn in die Tiefe gehenden Fachkenntnis ist, die bleiben darf. Georgs Posten wird wegrationalisiert; zu teuer ist seine Arbeit für das Blatt geworden. Und nun steht er da – ein Fossil aus einer vergangenen journalistischen Ära, das nichts anderes gelernt hat.

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Moonlight

Was soll schon aus diesem Jungen werden? Chiron (Alex R. Hibbert), der so klein und schmächtig ist, dass ihn die anderen Kinder verächtlich „Little“ nennen, wächst im Miami der Achtziger Jahre auf. Doch auch wenn überall Palmen im warmen Wind wehen und das Meer nicht weit entfernt ist, hat der Fleck Erde, auf dem der junge Protagonist lebt, wenig mit der Metropole aus „Miami Vice“ gemein. Chiron lebt nicht auf der pastell- und neonfarbenen, sondern auf der dunklen Seite. Da, wo Crockett und Tubbs nur zum Arbeiten hin müssen – wo die Dealer ihr mieses Handwerk betreiben und die Süchtigen in Bruchbuden hausen.

 

 

 

Auch seine Mama Paula (Naomie Harris) ist ein Junkie. Was den Jungen dazu zwingt, auf sich allein gestellt in dem rauen Umfeld zurechtzukommen. Wie an dem Tag, als die Mitschüler ihn mal wieder zum Opfer auserkoren haben und jagen. Chiron versteckt sich in einem verlassenen Haus. Dort findet ihn Juan (Mahershala Ali). Doch der Mann, der das in Todesangst verstummte Kind vor seinen Peinigern rettet – der ist ein Drogendealer. Spätestens an diesem Punkt scheint Chirons Schicksal besiegelt, die eigene Karriere im brutalen Geschäft mit illegalen Substanzen vorgezeichnet.

 

Doch auch, wenn der fragile Junge wahrlich nicht an einen Heiligen geraten ist, hat er es auch nicht mit einem Barbaren zu tun. Sondern mit einem, der ihm sanft zuredet und zu essen gibt wie einem Tier, das gezähmt werden soll, der ihn sogar in seinem Heim schlafen lässt. Ausgerechnet von diesem Kriminellen erfährt Chiron das erste Mal überhaupt Fürsorglichkeit. Mehr noch: Juan wird zu einem Mentor, der dem Kind, gemeinsam mit seiner Frau, ein emotionales Zuhause gibt, ihm Respekt und Liebe vorlebt und so einen Grundstein legt, der Chiron für immer erhalten bleiben wird.

 

Nicht weniger als diese Elemente höchster Bedeutsamkeit in der Kindheit – dem jungen Menschen Wurzeln und Flügel zu geben – erfasst „Moonlight“ im ersten von drei Filmkapiteln, betitelt mit dem Spitznamen, mit dem der Protagonist gehänselt wird, eben „Little“. Dies gelingt in so konzentrierter Form, weil das Drehbuch mittels der Handlung – über Aktionen und mit wenig Dialog – eine Phase in dieser erfundenen, doch wahrhaftig wirkenden Biografie fokussiert, in der an den Stellschrauben der Identität gedreht wird. In der Inszenierung werden diese Momente zu ikonischen Bildern, wobei das nachhaltigste von ihnen jene „Tauf-Szene“ ist, die schon still, als Einzelaufnahme, enorme Wirkung erzielt.

 

Darin trägt Mahershala Ali, der sicher auch wegen der unterschwelligen visuellen Kraft jenes Akts als bester Nebendarsteller mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, Alex R. Hibbert im Wasser auf den Armen wie Johannes der Täufer den Messias. Wiewohl religiös konnotiert, ist diese Schwimmstunde im türkisfarbenen Atlantik vor allem eine Verbildlichung von kindlicher Glückseligkeit und Urvertrauen. Schwebende Leichtigkeit zu erleben und gleichzeitig in vollkommener Sicherheit zu sein – welches Geschenk könnte größer sein?

 

Dass Regisseur Barry Jenkins, sein Kameramann James Laxton sowie seine Schnittmeister Nat Sanders und Joi McMillon (allesamt oscarnominiert) auf höchstem Niveau bildsprachlich kommunizieren können, macht auch die beiden weiteren Kapitel schon optisch zu einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis. Allein wie gewagt hier mit Farbe und Licht gearbeitet wird sieht man so nicht oft. Dazu kommt die opulente Filmmusik von Nicholas Britell (ebenfalls eine Oscarnominierung), die mit klassischer Instrumentierung und Komposition auf dramatische, manchmal grenzwertige Weise emotionale Intensität unter das Geschehen legt. Auch hier werden Erwartungen unterlaufen, wenn eben kein Hiphop zur Unterstreichung eingesetzt wird.

 

Doch auch wenn dieser gestalterische Rahmen von erlesener Qualität ist – zu einer Besonderheit wird „Moonlight“ zum einen wegen der Schauspieler. Neben dem zu Recht prämierten Ali zeigt auch Naomie Harris (Daniel Craigs Ms. Moneypenny) eine Leistung, die sich einprägt. Perfekt wie selten besetzt sind die talentierten Darsteller von Chiron (und seinem besten Freund) in Kindheit, Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter – wobei Alex R. Hibbert, Ashton Sanders und Trevante Rhodes einander gar nicht auffällig ähneln, aber in ihrem Ausdruck so verwandt scheinen, dass man selbst beim Filmplakat nicht auf Anhieb bemerkt, dass es sich aus drei verschiedenen Gesichtern zusammensetzt. Das führt erstaunlicherweise dazu, dass man eine Entwicklung fast wie Linklaters „Boyhood“ mitzuverfolgen meint.

 

Zum besten Film des Jahres wurde die Adaption des Theaterstücks „In Moonlight Black Boys Look Blue“ aber wohl aufgrund seiner Geschichte. Womit gar nicht die politischen Implikationen gemeint sind, dass sie von einem schwarzen Charakter (Stichwort: #oscarssowhite) handelt – hier wären „Fences“ und „Hidden Figures“ geeignetere Kandidaten gewesen - und dieser sich auch noch als homosexuell herausstellt. Wovon hier erzählt wird, ist universeller. Es geht um nicht weniger als darum, wie sich eine zarte Seele inmitten von harten Bedingungen entfalten kann. Dass der Mensch dem Menschen Wolf ist, wird hier mit schmerzhafter Wucht deutlich. Das Individuum, das sich von „Little“ über „Chiron“ zu „Black“ wandelt, wird früh und immer wieder in seiner außerordentlichen Verletzlichkeit attackiert – bis es lernt, sich mit einem Panzer zu schützen. Erst wenn er es wagt, das Licht des Mondes in seine Dunkelheit, auf seine wahres Ich, scheinen zu lassen, kann aus dem Jungen der werden, der er ist.

 

Drama
USA 2016, 111 Minuten, R Barry Jenkins, D Mahershala Ali, Naomie Harris, Janelle Monáe

 

Zur Filmwebsite MOONLIGHT

 

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Kundschafter des Friedens

Jochen Falk (Henry Hübchen) beißt gerade bei Konnopke in eine Currywurst, da nimmt ein BND-Mitarbeiter Kontakt auf. Reflexartig türmt der DDR-Agent a.D., doch irgendwann hat das – nun schwer atmende – Einsatzteam den „Zonen-James-Bond“ eingefangen und in die Zentrale gebracht. 

Der alte Mann soll für den ehemaligen Feind nochmal zum Einsatz kommen, um einen in Katschekistan verschleppten Kollegen (Jürgen Prochnow) aufzuspüren und die anstehende Wiedervereinigung dieses in Ost und West gespaltenen Landes zu retten. Falk besteht darauf, mit seinem bewährten Team – dem Tüftler Jacky (Michael Gwisdek), dem Strategen Locke (Thomas Thieme) und Harry (Winfried Glatzeder), früher berüchtigt als „Romeo-Agent“, zu arbeiten, und schon bald sitzen die Opas im Flieger. Begleitet allerdings von Einsatzleiterin Paula (Antje Traue), die der Rentner-Mission skeptisch gegenübersteht.

 

Sieht man den Werbetrailer zur ersten Genre-Komödie von Robert Thalheim („Am Ende kommen Touristen“), wappnet man sich instinktiv gegen Klischee-Klamauk – und wird dann umso angenehmer überrascht. Endlich einmal wurden hier nicht die besten Gags vorab verpulvert, sondern es jagt eine Pointe die nächste inmitten knackiger Dialoge und selbstironischer Frische, während die reifen Herren im Rahmen unverstellten „Vati weiß es am besten“-Humors fröhlich zu Hochform auflaufen. Zu dieser Art von Spaß passt es, dass Antje Traue durchgängig zwei Nummern zu enge Oberteile tragen muss; schön aber, wie sie trotzdem lässig die Rolle der (meistens) souveränen Anführerin gibt. (jdü)

 

Komödie

Kundschafter des Friedens, D 2017, 90 Minuten, R Robert Thalheim, D Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Thomas Thieme, Winfried Glatzeder

 

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Bailey - Ein Freund fürs Leben

Die Sonne, die flauschigen Wurfgeschwister, die liebevolle Mutterhündin, ein den Jagdinstinkt reizender Frosch – kaum hat der Welpe angefangen, die Welt zu bestaunen, geht sein junges Leben schon wieder zu Ende. Sogleich wird er im Körper eines neuen Welpen wiedergeboren, doch viel besser scheint es dem vierbeinigen Helden auch diesmal nicht zu ergehen. 

Das Hundekind leidet in einem überhitzten Auto – da retten ihn ein Junge und seine Mutter. Ethan darf den Hund behalten und nennt ihn Bailey – der Beginn einer viele Jahre währenden Freundschaft. Die irgendwann mit der schwersten Entscheidung aller Tierbesitzer beim Veterinär ihr irdisches Ende findet. Und dann erwacht Bailey bei seinem Herrchen, dem Polizisten Carlos und ist – die Schäferhündin Ellie.

 

Reinkarnationen und Menschen-Wechsel gibt es noch mehr in der Geschichte, die den Bestseller „Ich gehöre zu dir“ des „Dog Lit“-Autors W. Bruce Cameron verfilmt. Auch Regisseur Lasse Hallström („Hachiko“) gilt als bekennender Fan des Canis lupus familiaris. Zu einem gelungenen Ergebnis führt die Kombination der scheinbar so gut harmonierenden Elemente trotzdem nicht. Was zum einen an der Grundidee der Handlung liegt, die auf dem Papier originell sein mag, aber zumindest im schnellen Medium Film das Problem mit sich bringt, dass man keine Zeit hat, zu irgend einem Protagonisten eine Beziehung zu entwickeln.

 

Dazu bietet sich nur die kontinuierliche Erzählerstimme Baileys an – bei der es in der deutschen Fassung Synchronregie und -buch schaffen, dass Sprecher Florian David Fitz mit unfassbarer Naivität an den Nerven zerrt. Ohne Ton bliebe es bei einer kitschige Klischees aneinanderreihenden Inszenierung und zu wenigen wirklich berührenden Momenten, wie jenem beim Tierarzt. Kindern kann man so gebündelt die Schrecken nicht zumuten, und selbst eingefleischte Hundeliebhaber, die sich nicht von den (mittlerweile relativierten) Vorwürfen der Tiermisshandlung bei den Dreharbeiten abschrecken lassen, werden hier nicht mehr finden, als das, was auch online immer zieht: Herzige Hunde.

 

Tierfilm

USA 2017, 100 Minuten, R Lasse Hallström, D Dennis Quaid, S Florian David Fitz

 

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Boston

Ein bisschen fühlt sich das nach Déjà-vu an: Mark Wahlberg in der Rolle des kernigen Kerls, der sich von seiner Frau zu einem scheinbar ganz gewöhnlichen Arbeitseinsatz verabschiedet – und sich bald schon in einer Ausnahmesituation wiederfindet, in der er über sich hinauswachsen muss. Vor gerade mal drei Monaten lief das Action-Drama „Deepwater Horizon“ in den deutschen Kinos an, in dem er den Alltagshelden auf der Ölplattform spielte, ebenfalls unter der Regie Peter Bergs. Nun hat sich das bewährte Duo also wieder realer Ereignisse angenommen, diesmal rund um den Boston Marathon vom 15. April 2013.

 

Damals verübten die Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew einen Bombenanschlag an der Zielgeraden, bei dem drei Menschen starben und 264 weitere zum Teil schwer verletzt wurden. Wieder schubst uns Berg mitten hinein ins Geschehen, das in seiner fiktionalisierten, aber dokumentarisch anmutenden Gesamt-Rekonstruktion einen starken Sog entwickelt. Erfunden ist etwa die Figur, die Wahlberg verkörpert; sein Polizist Tommy Saunders ist jedoch ein Konglomerat verschiedener echter Einsatzkräfte. Aus dramaturgischen Gründen und denen der emotionalen Bindung ergibt das durchaus Sinn.

 

Saunders, physisch eingeschränkt wegen Knieproblemen, harrt der Dinge am Ziel und hat gerade noch seiner Frau (ähnlich unterfordert wie Kate Hudson in „Deepwater Horizon“: Michelle Monaghan) zugewunken, die sich unter den Zuschauern tummelt, da explodiert der erste Sprengsatz. Panik, Chaos, schreiende, rennende und stürzende Menschen, von denen wir zuvor noch einige flüchtig kennenlernen konnten. Ein junges Paar, das buchstäblich auseinandergerissen wird, ein kleiner Junge, der, abrupt von seinem Vater getrennt, nun ganz alleine in dieser Hölle steht und laut weint.

 

Es sind schwer erträgliche Szenen in diesem ersten Teil des Films, nicht nur weil diesmal keine Profis in Risikoberufen betroffen sind, sondern Leute wie du und ich, und weil die Nachrichtenbilder von vor knapp vier Jahren sofort wieder im Kopf sind. Es ist die sehr authentisch inszenierte Darstellung der unmittelbaren Auswirkung eines Terrorakts - das Entsetzen, die Angst und die blutigen Details, die hier diverse Grenzen überschreitet und die Wirklichkeit unserer Tage vielleicht zu drastisch ins Kino holt. Dann aber konzentriert sich die Handlung auf die mit beeindruckendem logistischen Aufwand choreografierte Polizeiarbeit, methodisch klassisch bis CSI, und wächst zu einem Thriller, der mit Souveränität in Schauspiel und Technik enorme Spannung erzeugt.

 

Thrillerdrama

Boston, USA 2016, 133 Minuten, R Peter Berg, D Mark Wahlberg, Kevin Bacon, J. K. Simmons

 

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Lion

„Gaddu! Gadduuuu!“ Die Stimme des Jungen überschlägt sich, als er nach dem großen Bruder ruft. Immer wieder. Überall. Doch nichts. Gaddu bleibt verschwunden. Und Saroo, fünf Jahre alt, ist ganz alleine im Zug. In den hatte er sich bloß gesetzt, um auf den Bruder zu warten, als der Wagon leer und harmlos auf dem Gleis stand. Als das Kind erwacht, fährt der Zug. Und hält erst in Kalkutta wieder an. Mehrere Tagesreisen von zuhause entfernt. Wo das genau ist oder wie sein Familienname lautet, weiß der Kleine nicht.

 

 

 

Was Saroo Brierley damals und danach passierte, darüber schrieb er in seiner Autobiografie „Mein langer Weg nach Hause“. Deren Kino-Adaption durch Debüt-Spielfilmregisseur Garth Davis ist nun für sechs Academy Awards nominiert, darunter die für das Drehbuch und den besten Film. Klassischer Oscar-Stoff, das ahnt man schon, bevor man eine Minute gesehen hat. Und wird bestätigt, wenn der ergreifende erste Teil, das Verlorengehen des unschuldigen Kindes, an Geschichten wie „Slumdog Millionär“ erinnert.

 

Saroos Leben vor dem Einschnitt wird in warme Farben getaucht, als Kindheit in Armut zwar, aber in der Obhut einer liebenden Mutter und des fürsorglichen älteren Bruders. Die gesamte Inszenierung orientiert sich hier auf gelungene Weise an der Perspektive des Jungen, den die Entdeckung Sunny Pawar mit einnehmendem Charme und berührender Fragilität verkörpert. Man muss – mal mehr, mal weniger subtiler emotionaler Beeinflussung der Regie zum Trotz - schon aus Stein sein, wenn einen diese großen Augen und das von Angst, Staub und Tränenspuren gezeichnete Kindergesicht nicht bewegen.

 

Auf den Beginn des zweiten Lebens des kleinen Kerls bei den Adoptiveltern Sue (Nicole Kidman) und John (David Wenham, Peter Jacksons „Faramir“) in Tasmanien folgt ein großer Zeitsprung. Saroo (Dev Patel) ist nun Student in Sidney, ein beliebter, unbeschwerter junger Mann, der im Seminar die Eine findet (Rooney Mara) und als gefühlter Australier eher befremdet reagiert, als er auf seine indische Heimat angesprochen wird. Von der traumatischen Vergangenheit scheint er frei zu sein. Doch die Frage des Kommilitonen wirkt nach. Und die alte Wunde bricht auf.

 

Die Gefahr, dass eine solche Verfilmung in zwei disparate Teile zerbrechen kann, löst sich schnell in Luft auf. Dass das so gut funktioniert, liegt neben der unaufdringlich poetischen Bildsprache an der Konzentration auf die Gefühle der Beteiligten. Hier ist zum einen das sensible, mit einer Oscar-Nominierung bedachte Spiel Dev Patels zu loben, das mutig und wahrhaftig den Schmerz der Identitätserschütterung zeigt. Eine schöne Rolle für den Briten, der aufgrund der Herkunft seiner Eltern oft als lächelnder, mit dem Kopf wackelnder Klischee-Inder besetzt wurde und hier endlich einmal mehr Bandbreite zeigen darf. Nicole Kidman, ebenfalls nominiert, glänzt mit Zurückhaltung und Wärme und vermittelt mit ruhiger Intensität den emotionalen Aufruhr, der aufseiten von Adoptiveltern entsteht, gerade auch unter solchen abenteuerlichen Umständen.

 

Drama

USA/AUS/GB 2016, 119 Minuten, R Garth Davis, D Dev Patel, Nicole Kidman, Rooney Mara

 

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Mein Leben als Zucchini

Leise sammelt der neunjährige Zucchini im Flur leere Bierdosen auf. Im Wohnzimmer tobt ein Ehestreit. Doch Papa ist schon lange weg. Mama trinkt, vor der laut aufgedrehten Glotze. Dann fallen Zucchini die Dosen scheppernd hin – und Mama hat diesen schlimmen Unfall.

 

 

 Was genau passiert ist, weiß Zucchini nicht mehr. Der Polizist ist trotzdem nett zu ihm und bringt den Jungen ins Waisenhaus. Die Direktorin ist auch sehr freundlich, die Kinder zurückhaltend. Doch der freche Simon verrät dem Neuen, warum sie dort wohnen. Wegen drogenabhängiger, komplett gestörter, nach Afrika abgeschobener und inhaftierter Eltern, oder solcher, die „widerliche Sachen“ mit ihnen gemacht haben.

Die Geschichte um misshandelte und traumatisierte Kinder ist harter Stoff. Einer von der Art, bei der man als Erwachsener einen Stein im Magen spürt und das spontane Bedürfnis, junge Zuschauerseelen vor solchen Abgründen zu schützen. Dennoch ist die Verfilmung eines Romans von Gilles Paris (2004 auf deutsch als „Autobiografie einer Pflaume“ erschienen) ohne Altersbeschränkung freigegeben. Wie kann das angehen?

 

Ausgezeichnet sogar, denn Céline Sciamma („Tomboy“) und Debüt-Regisseur Claude Barras verpacken den teils tonnenschweren Inhalt nicht nur mit aller Behutsamkeit, sondern auch mit so viel Humor und Herzenswärme, dass Kinder (bei aller Besorgnis: ab dem Grundschulalter) hier einen ungleich leichteren Film wahrnehmen dürfen. Einen, in dem die Altersgenossen zwar Probleme haben, in dem es aber vor allem um Freundschaft, (erste) Liebe, Zusammenhalt, Glück und, ja, sogar Spaß am Leben geht.

 

Ähnlich wie beim hinreißenden (aber für Kinder ungeeigneten) Knetanimationsfilm „Mary & Max“ (2009) wird man verblüfft mitgerissen von der emotionalen Ausdruckskraft der in Stop-Motion-Technik belebten Puppen, die hier mit riesigen Augen auf die Wunder und Schrecken der Welt blicken – gezeichnet mit Schatten und Ringen, aber auch hellwach und voller Staunen. Bunte, kräftige Farben verströmen eine Fröhlichkeit, die nie aufgesetzt wirkt, sondern so wahrhaftig, wie eben mitunter auch an schwarzen Tagen die Sonne scheint. Angenehm ruhig schreitet die Erzählung voran, lässt ausgetretene Pfade links liegen und kommt zügig zu einem Ende, das nicht in eine gängige Dramaturgie gepresst und künstlich hinausgezögert wird. Was sich auch deswegen ganz wunderbar trifft, weil Klein und Groß so viel Zeit bleibt, gemeinsam und auf Augenhöhe einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis nachzuhängen. 

 

Trickfilm

Mein Leben als Zucchini, CH/F 2016, 66 Minuten, R Claude Barras, B Céline Sciamma

 

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Fences

Ein paar Latten sind aufgestellt, der Großteil der Bretter stapelt sich noch im Hinterhof. Das Projekt Zaun muss warten. Es ist Troy Maxson (Denzel Washington) durchaus wichtig, seinen Grund und Boden einzufrieden. Das für diesen Zweck beschaffte Holz ist von bester Qualität. Aber es gibt andere Dinge in Troys Leben, die höhere Priorität besitzen.

 

 

 

Wenn der Mann heimkommt nach einer weiteren Woche körperlich zehrender Arbeit bei der städtischen Müllabfuhr im Pittsburgh der Fünfziger Jahre und mit seinem befreundeten Kollegen ein kühles Bier zischt, das Gattin Rose (Viola Davis) lächelnd über die Hintertreppe reicht, dann steht ihm der Sinn eben mehr nach einem geruhsamen Feierabend. Und reden.

 

Was in Troys Fall bedeutet, dass er große Worte schwingt, gut abgehangene Anekdoten auspackt und sich in nicht enden wollenden Monologen verliert. Je nach Laune darf sein geneigtes Publikum Stichworte beisteuern und sich die Lachtränen aus den Augen wischen. Oder es ergießt sich eine wütende Suada über das bedauernswerte Gegenüber, die kleinmacht und schmerzt. So wie bei seinem Sohn Cory. Mit dem wollte er eigentlich den Zaun bauen. Doch der Junge legt es auf eine Profi-Baseballkarriere an und hat keine Zeit. Der Patriarch ist ganz und gar nicht einverstanden.

 

Nicht umsonst hängt ein alter Baseball an einem Baum in diesem gleichermaßen heimelig wie trostlos wirkenden Garten. Er ist das Symbol für den Weg, den Troy in jungen Jahren nicht gehen konnte. Talent hin oder her, zu dieser Zeit gestand die amerikanische Gesellschaft ihren dunkelhäutigen Bürgern ebenso wenige Chancen im Sport zu wie auf jedem anderen Terrain. Dass sich das geändert haben soll, kann die Hauptfigur in der Adaption von August Wilsons mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Stück nicht sehen – und zwingt alle, die sich nicht wehren können, in die Schablone der eigenen Überzeugungen.

 

Es sind starke dramatische Konflikte, die sich aus den sozialen, aber auch emotionalen Deformationen des tragischen Helden ergeben. Wilson, der vor seinem Tod im Jahr 2005 selbst noch das Drehbuch zu „Fences“ verfasste, brachte einen zehn Stücke umfassenden Zyklus über die Geschichte der Schwarzen in den USA heraus, der dort inzwischen mit dem Werk von Arthur Miller oder Tennessee Williams verglichen wird. Die Handlung, die Züge von „Tod eines Handlungsreisenden“ und auch „King Lear“ trägt, weist jedoch über die Historie der unterdrückten Bevölkerungsgruppe hinaus. Sie funktioniert allgemeingültiger als Psychogramm eines früh gebrochenen Mannes, der selbst erlebtes Leid an seine Familie weitergibt. Und – gleichsam als dunkles Gegenstück zu „La La Land“ - wie ein Mahnmal der zerplatzten Träume, das zeigt, wie sich nicht ausgelebte Energie in etwas Zerstörerisches wandeln kann.

 

Denzel Washington und Viola Davis, die ihre Rollen schon am Broadway spielten und beide Oscarnominierungen erhielten, verkörpern Troy und Rose auch vor der Kamera eindringlich. Er glänzt zudem in der Führung seiner Kollegen, zeigt als Regisseur jedoch Schwächen in der Übertragung des Stoffes auf die große Leinwand – was vor allem in der ersten Stunde zu unnötiger und anstrengender Langatmigkeit führt. Dass das Theaterhafte stets präsent bleibt, auch wenn das Kammerspiel meist unter freiem Himmel stattfindet, passt jedoch gut. Denn dieser Troy Maxson kann nicht anders, denn als ewiger Darsteller des eigenen Schicksals zu agieren und Dramen zu inszenieren, auf seiner engen, halb eingezäunten Hinterhof-Bühne, wo er die Welt aussperren und das, was ihm gehört, festhalten will.

 

Drama

Fences, USA 2016, 139 Minuten, R Denzel Washington, D Viola Davis, Mykelti Williamson, Stephen Henderson

 

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Empörung

Winesburg College, Ohio, Anfang der Fünfziger Jahre. Marcus Messner (Logan Lerman) hat sein Studium hierher verlegt, um der heimatlichen Enge von Newark/New Jersey zu entkommen. Als erster Akademiker der Familie stand er dort unter der permanenten sorgenvollen Beobachtung seines Vaters, eines jüdischen Metzgers. Doch Marcus hat sich nicht entzogen, um nun als Student auf den Putz zu hauen.

 

 

 

Der ernsthafte, ehrgeizige junge Mann hat sich voll und ganz der Wissenschaft verschrieben und kann den Amüsements seiner Kommilitonen nichts abgewinnen. Bis er in der Bibliothek Olivias (Sarah Gadon) ansichtig wird. Ein reizendes Geschöpf, das, versunken in der Lektüre, beiläufig mit dem hinreißend über die Stuhllehne gelegten Bein wippt. Marcus ist verzaubert und kaum noch an etwas anderes denken, als Olivia auszuführen. Doch das Date verläuft anders als erwartet. Die sexuelle Erfahrung, die der überraschte Student mit der eleganten, so unschuldig wirkenden Blondine macht, verändert alles.

 

Star-Romancier Philip Roth verfasste die Vorlage zu „Indignation“ (Originaltitel) 2008 mit 75 Jahren. Als Coming-of-Age-Geschichte und die eines erotischen Erwachens wirkt die Geschichte erwartungsgemäß verklärend und ältlich. Interessantere Perspektiven bietet der Stoff als Zeitgemälde. Etwa darauf, wie rigoros in jenem soziokulturellem Umfeld mit weiblicher Sexualität umgegangen wurde. Olivia ist in dieser Hinsicht eine Avantgardistin, die frei mit ihrem Körper und ihrer Lust verfährt. Und das nicht nur bei jenem Akt der Fellatio in Marcus' Auto. Derlei (moralische) Grenzüberschreitung führt hier zwangsläufig zur Degradierung der Delinquentin als Verrückte – Parallelen zu Silvia Plath sind in der Adaption von James Schamus beabsichtigt.

 

Auch an weiteren geistigen Fesseln der McCarthy-Ära arbeitet sich der oft mit Ang Lee kooperierende Drehbuchautor („Der Eissturm“, „Tiger and Dragon“) und Produzent („Brokeback Mountain“) vehement ab. Das führt zu einigen sehr ausführlichen intellektuell-philosophischen Debatten zwischen dem Protagonisten und dem Dekan seiner Hochschule, kraftvoll gespielt von Tracy Letts (der als Darsteller unter anderem aus „Homeland“ bekannt ist und als Dramatiker für „August: Osage County“ den Pulitzerpreis gewann). So fällt Schamus' Debüt als Regisseur mehr kopf- und wortlastig als sinnlich oder gar bildgewaltig aus.

 

Was für eine Roth-Verfilmung jedoch nicht unbedingt die schlechteste Herangehensweise ist und sie durchaus in eine ehrenwerte Reihe mit Vorläufern wie Isabel Coixets „Elegy oder die Kunst zu lieben“ (nach „Das sterbende Tier“) oder Robert Bentons „Der menschliche Makel“ rückt. Maßvolle Empörung mag in diesem Kontext hervorgerufen werden; echte Aufregung sucht man eben woanders. So wenig, wie es Schamus gelingt, überzeitliche Relevanz zu vermitteln, so treffsicher zeigt er sich bei der Besetzung. „Percy Jackson“-Darsteller Logan Lerman erweist sich als ideales Roth-Alter Ego, Sarah Gadon („Enemy“) spielt die Bandbreite ihrer Figur mit unaufgeregter Intensität. (jdü)

 

Drama

Empörung, USA 2016, 111 Minuten, R James Schamus, D Logan Lerman, Sarah Gadon, Tracy Letts

 

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The Lego Batman Movie

Batman reichts. Als Frohnatur ist der dunkle Ritter ohnehin nicht bekannt, aber zu viel ist zu viel. Commissioner Gordons Tochter übernimmt die Verantwortung für Recht und Ordnung in Gotham City und skizziert, wie sie sich die Zusammenarbeit mit Batman künftig vorstellt – was sein Alter Ego Bruce Wayne spontan dazu veranlasst, den Drink auszuspeien.

Auf der gleichen Gala frönt der Milliardär bloß seinem üblichen Sarkasmus und hat plötzlich einen Adoptivsohn am Bein. Der Joker quengelt, weil er sich nicht ausreichend als Erzfeind Nummer Eins gewürdigt fühlt. Und nun zieht auch noch Alfred andere Saiten auf. Der gütige Butler hat den Computer per Kindersicherung gesperrt und will Master Bruce dazu bringen, sich endlich wie ein Erwachsener zu verhalten. Schluss mit Alleinsein, Kostümierung und zu wenig Schlaf? Gulp!

 

Was der zweite Lego-Film (nach dem Erfolg aus dem Jahr 2014) hier ironisch auf die Spitze treibt, beschreibt natürlich auch das stereotypische Schreckensszenario für das potenzielle Zielpublikum – den (männlichen) Nerd in seiner mehr oder weniger verschleppten Adoleszenz. Neben dem Kind im Manne werden hier freilich auch wirklich Zuschauer ab dem Grundschulalter angesprochen. Während das bewährte Animationsfilm-Rezept angewandt wird, die Jüngsten mit Slapstick und fröhlichem Krawall zu bespaßen und den Großen mit Anspielungen, Querverweisen und knackigen Dialogen zuzuzwinkern, greift zusätzlich der eigene Charme des dänischen Stecksystems, das Jung und Alt in Spiellaune vereint.

 

Während „The Lego Movie“ vor allem ein Plädoyer für wildes, kreatives Spielen war, werden die Versatzstücke hier mehr aus vorgegebenen Elementen zusammengebaut. Die zugrundeliegende Handlung wirkt konventioneller als ihre verrückten Einzelideen, und nachdem die erste Hälfte wie im Colarausch davonrast, geht der Sause irgendwann die Puste aus. Ziemlich unterhaltsam ist die beeindruckend computeranimierte Superhelden-Komödie dennoch – eine angemessene Mischung aus Infantilität und cleverem Witz.

 

Animation

The Lego Batman Movie, USA/AUS/DK 2017, 104 Minuten, R Chris McKay, D David Nathan, Gronkh

 

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The Girl with all the Gifts

Die Waise Melanie (Sennia Nanua) ist ein erschreckend vorbildliches Kind. Sie fügt sich mit schüchternem Lächeln jeder noch so harten Restriktion, eifert voller Wissbegierde dem Unterricht entgegen und strahlt schon, wenn ihre Lieblingslehrerin Miss Justineau (Gemma Arterton) den Raum betritt. Ein artiges Geschöpf. Und eines, von dem tödliche Gefahr ausgeht.

 

 

 

Wie der Großteil der Menschheit ist Melanie von einem Pilz befallen, der vor allem das Gehirn zersetzt und seinen Wirt zu einem Dasein verdammt, das wechselt zwischen stumpfem Vegetieren und Anfällen blutrünstiger Fressgier, sobald ein gesunder Artgenosse in Reichweite gerät. Den „Hungries“ genannten Infizierten gehen angesichts ihrer überwältigenden Überzahl jedoch allmählich ihre Nahrungsquellen aus, den noch verschont gebliebenen Menschen die Perspektiven.

 

In einer britischen Militärbasis arbeitet die Biologin Dr Caldwell (Glenn Close) fieberhaft an einem Antiserum, während Helen Justineau fest an das Humane im Zombie glaubt und alles daran setzt, die Hirne der bereits in zweiter Generation mit der Mutation Geborenen durch Bildung zu retten. Melanies Verhalten zeigt tatsächlich Grund zur Hoffnung, denn sie kann die raubtierhaften Impulse weitgehend kontrollieren. Für Dr. Caldwell umso mehr ein Grund, das Mädchen für ihre Experimente zu benutzen. Doch ehe im Ringen um das besondere Kind eine Siegerin hervorgehen kann, wird das Camp von Hungries überrannt und die kleine Gruppe muss unter der Obhut des skeptischen Sergeant Parks (Paddy Considine) fliehen.

 

Der Roman „Die Berufene“, den Autor Mike Carey selbst für die Verfilmung adaptierte, beinhaltet alle typischen Merkmale, die Zombie-Plots nicht erst seit der jüngsten Popularitätswelle des Subgenres kennzeichnen. Trotz der dazugehörigen Attacken, die in ihrer blutigen Explizitheit dem empfindsameren Teil des Publikums mitunter den Magen umdrehen können und der üblichen Flucht- und Kampf-Schemata ist der Schwerpunkt hier jedoch anders gesetzt. Es werden die philosophischen und mythischen Aspekte betont, wenn jenes mit all den Gaben begüterte Mädchen ähnlich der Pandora zwar die übelsten aller Übel entfesseln kann, aber eben auch als potenzielle Heilsbringerin fungiert. Das führt in irritierender Ambivalenz allerdings dazu, das in dieser kraftvoll variierten Geschichte die Horror- und Actionelemente eher lästig erscheinen.

 

In der ästhetischen Umsetzung findet TV-Regisseur Colm McCarthy (u.a. „Sherlock“) bei seinem Kinodebüt zwar keine großen Bilder, sondern verlegt sich eher auf Understatement, doch einige Einfälle (wie ein grotesker „Baum“ im postapokalyptisch überwucherten London) hinterlassen bleibenden Eindruck. Noch stärker brennen sich die Figuren und ihre Darsteller ein. Wobei das Haupt-Gegensatzpaar, das Zombie-Mädchen und die engagierte Lehrerin, am meisten fesselt. Gemma Arterton glüht förmlich vor liebevollem Überlebensgeist, und die damals erst 12-jährige Newcomerin Sennia Nanua überzeugt in beiden Extremen ihrer schwierigen Rolle.

 

Horrordrama

The Girl with all the Gifts, GB 2016, 110 Minuten, R Colm McCarthy, D Gemma Arterton, Paddy Considine, Glenn Close

 

Zum Trailer The Girl with all the Gifts

 

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Live by Night

Boston in den 1920er Jahren. Joe Coughlin (Ben Affleck), irischstämmiger Kriegsveteran, bekommt kein Bein mehr auf moralisch einwandfreien Boden. Nicht nur, dass er sich mit seinen Kumpanen durch Raub und andere kriminelle Aktivitäten über Wasser hält. Er hat auch noch sein Herz an eine Frau (Sienna Miller) verloren, die eigentlich die Geliebte des Bosses der irischen Mafia ist.

 

 

 

Natürlich wird diese verbotene Liaison entdeckt, führt zu Erpressung und Verwicklungen mit dem italienischstämmigen Mob und mündet schließlich in einem fragwürdigen Karriere-Neustart Joes. In Florida steigt er zum lokalen Geschäftsführer der Italo-Mafia auf, regelt den Glücksspiel- und Drogenmarkt – und verliebt sich neu, in die Schwester eines kubanischen Drahtziehers (Zoe Zaldana). Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange Joe das an dünnen Fäden baumelnde Glück hold bleibt.

 

Liebe, Macht, Verbrechen und Zeitgeschichte – es steckt durchaus episches Potenzial in dem von Dennis Lehane verfassten Roman. Ein Name, bei dem auch Kinozuschauer aufmerken, gelangten mit Clint Eastwoods „Mystic River“ oder Martin Scorseses „Shutter Island“ doch bereits hochkarätige Adaptionen des Bostoner Autors auf die große Leinwand. „Gone Baby Gone“ stammte ebenfalls von ihm, das Kriminaldrama, mit dem Ben Affleck sein beachtliches Debüt als Regisseur lieferte. Dass der trotz seines Drehbuch-Oscars für „Good Will Hunting“ früher oft als mäßig talentierter Schönling belächelte Schauspieler auf dem Regiestuhl zu Großem in der Lage ist, bewies er danach noch mit „The Town“ und vor allem „Argo“.

 

Sieht man nun „Live by Night“, stolpert man überraschend und schnell über die aufgebaute Erwartungshaltung und beobachtet enttäuscht die Rückkehr von Affleck, dem eitlen, wenig charismatischen Darsteller. Den gut besetzten Kollegen und teils erlesenen Bildern zum Trotz will hier nichts richtig zusammenpassen, keine Spannung aufkommen und kein Interesse an den Charakteren. Was zu bedauern ist, aber als Ausrutscher noch kein alarmierendes Zeichen sein muss.

 

Gangsterdrama

Live by Night, USA 2016, 129 Minuten, R Ben Affleck, D Ben Affleck, Zoe Saldana, Chris Cooper, Sienna Miller

 

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Suburra

Schwarz dräuen Wolken über der ewigen Stadt, sintflutartiger Regen ergießt sich über die Pflasterstraßen, die Apokalypse steht bevor. Zwar scheint hier ein alttestamentarischer Gott zu zürnen, doch der Untergang Roms stellt sich mehr und mehr als nicht schicksalhaft, sondern menschlichen Ursprungs heraus. „Man-made“ im doppelten Sinne, denn die Katastrophe, die hier heranzieht, ist vor allem von Männern gemacht.

 

 

 

Männer wie der Parlamentarier Malgradi, der mit kirchlichen Würdenträgern und der Vatikan-Bank sowie mit der Mafia korrupte Geschäfte vorantreibt. Man erweist sich gegenseitig Gefallen, schert sich nicht um Moral und reibt sich in profitgeiler Vorfreude die Hände. Das aktuelle Projekt der verkommenen Bruderschaft von Strippenziehern, ein Kasinokomplex im Hafen-Vorort Ostia, läuft jedoch vollkommen aus dem Ruder. Der Tod einer minderjährigen Prostituierten, die mit einer Überdosis bei jenem Malgradi stirbt, ist der erste Dominostein, der eine fatale Ereigniskette auslöst.

 

So finster hat man das italienische Zentrum der Macht im Kino lange nicht gesehen; es scheint geradezu die teuflische Unterseite von Paolo Sorrentinos genialer Rom-Hymne „La Grande Bellezza“ (2013) zu entblößen. Ein auf abstoßende Weise fesselndes Tableau einer Macho- und Macht-Welt, gezeichnet in schier größenwahnsinnigen Bildern irgendwo Film noir und harten, zeitgenössischen Thrillern, überhöht durch die rauschartige Musik des Electronic-Duos „M83“. Angesichts der Fülle der interessanten Figuren und Handlungsstränge wirkt vieles atemlos und verkürzt, so dass der auf einer Romanvorlage basierende Stoff geradezu nach einer Adaption als Serie schreit – und richtig, Netflix bringt sie bereits 2017 heraus.

 

Über einen cholerischen Jung-Mafiosi heißt es am Anfang des mehr als zweistündigen, niemals langatmigen Epos einmal, er habe „mehr Eier als Verstand“. Was den Geist des gesamten Filmes tatsächlich gut auf den Punkt bringt und dem Publikum eine gewisse Toleranz abverlangt, sich aber im Dienste der Geschichte als ideale Herangehensweise zeigt. (jdü)

 

Thrillerdrama

Suburra, I/F 2015, 130 Minuten, R Stefano Sollima, D Greta Scarano, Pierfrancesco Favino, Jean-Hugues Anglade

 

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Split

Eben noch haben die Mädels im Burger-Restaurant gefeiert. Nun will der Vater das Geburtstagskind und seine beste Freundin, beide Typ Cheerleader, sowie das fünfte Rad am Wagen, die stille Außenseiterin Casey, nach Hause chauffieren. Doch nicht er steigt ins Auto, sondern ein Fremder, der seine Opfer sofort betäubt. 

Sie finden sich in einem Heizungskeller eingesperrt wieder und wissen noch nicht so recht, was sie vom Entführer zu befürchten haben, da sehen sie durchs Schlüsselloch eine Frau im Nebenraum. Die Rettung? Nicht wirklich. Denn es ist der gleiche Mann, nun in Rock und Pumps – so wie er kurz darauf als lispelnder Neunjähriger im Türrahmen kauert. Und all die „Persönlichkeiten“ sprechen von einem „Biest“, das bald kommen wird, um die Mädchen zu holen …

 

M. Night Shyamalan ist zurück, der Autor und Regisseur mit dem Faible für gruselige Mystery-Stoffe, psychologische Abgründe und den berühmten Twist, der das Gesehene am Ende nochmals auf den Kopf stellt. Nie wieder ist dem Briten diese spezielle Mischung so gelungen wie bei seinem Durchbruch „The Sixth Sense“ (1999), doch nach einem Jahrzehnt voller Flops scheint er sich berappelt zu haben. Einigermaßen – denn trotz spannender Momente und finaler Überraschung hat sein neues Horrormärchen mit einigen Längen, Elementen galoppierenden Schwachsinns und pseudo-psychoanalytischer Überfrachtung zu kämpfen. Als versehrte Heldin kann sich Anya Taylor-Joy gut behaupten neben James McAvoy, der seine multiple Freak-Show eindrucksvoll und mit sichtlicher Freude meistert. (jdü)

 

Psychothriller

Split, USA 2016, 117 Minuten, R M. Night Shyamalan, D James McAvoy Anya Taylor-Joy, Betty Buckley

 

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Die feine Gesellschaft

Ratlos steht das aus Calais beorderte Polizistenduo in den Dünen. Wie kann es nur sein, dass in diesem Sommer des Jahres 1910 immer wieder Touristen verschwinden in der malerischen Landschaft der nordfranzösischen Opalküste? Von dort oben ist der Blick gut, man kann die ärmlichen Behausungen der Fischer ausmachen und ihre Bewohner, wie sie Muscheln sammeln oder Sommerfrischler über die Bucht transportieren. Auf der anderen Seite thront auf einer Klippe das Anwesen der reichen van Peteghems, die gerade mit Kind und Kegel angereist sind, um sich vom aufreibenden Alltag des Adels zu erholen. Wo inmitten dieses gesellschaftlichen Gefälles liegt das schwarze Loch, das all die Vermissten aufzusaugen scheint? Und wer ist verantwortlich?

 

 

 

Die Ausgangslage erlaubt viele Arten, die Geschichte zu entfalten. Als historische Betrachtung der Klassenunterschiede, ernsthaft, tragisch oder gar mit Witz durchzogen. Als opulenter Kostümschinken. Als klassischen Krimi. Bruno Dumonts Film bedient sich durchaus all dieser Elemente – allerdings auf eine Weise, wie man sie kaum für möglich gehalten hätte. Und das nicht nur, weil der Autor und Regisseur („Camille Claudel 1915“, „Humanität“) bisher nicht für humoristisches Erzählen bekannt war. Sein ganz und gar verblüffendes neues Werk jedoch bloß als Komödie zu bezeichnen, wäre grob vereinfacht.

 

Wir haben es hier mit einer Groteske zu tun, als wäre der Geist von Monty Python über den Ärmelkanal geweht, einem gleichsam der Kino-Frühzeit entsprungenen Slapstick-Epos, das wirkt, als wäre es eine überwunden geglaubte Kinderkrankheit, die überraschend zurückkehrt und den Erwachsenen umso rabiater befällt. Mit voller Absicht und sichtlicher Lust hebelt Dumont Konventionen aus, wo es nur geht, dreht alle Regler bis zum Maximum, zeigt dem interpretationswütigen Intellekt die lange Nase und trifft zielsicher ins infantile Spaßzentrum.

 

Sein Ermittlerteam etwa trägt Melonen wie Schulze und Schultze oder Laurel und Hardy, während es sich durch die Handlung tölpelt. Wenn der beleibte Chef zum Strand watschelt, quietscht es, als nähere sich das Michelin-Männchen; wenn es bergab geht, lässt er sich rollen und vom debilen Assistenten wieder aufsammeln. Die Familie um den Fischer und seinen (im Original titelgebenden) Sohn Ma Loute blickt nicht nur schwer zurückgeblieben aus der Wäsche, sondern kommuniziert auch eher im Neandertaler-Stil. Von ihren Tischmanieren ganz zu schweigen.

 

Und dann ist da noch der degenerierte Adel – zum Schreien verkörpert von Juliette Binoche und Valeria Bruni Tedeschi in einer Art Exzentrik- und Hysterie-Wettbewerb, umwieselt von Fabrice Luchini als blutleerer Patriarch mit permanenten motorischen Fehlleistungen. Hut ab, was die Schauspieler hier wagen und erreichen. Indes, auch wenn man sich den Bauch hält, während das Auge verzückt an erlesenen Ausstattungen und Bildern labt oder sich punktuell vor Entsetzen weitet: Anstrengend ist der schrille Reigen schon, vor allem auf Dauer, wenn sich die Gags abnutzen. Aber auch alles andere als gewöhnlich.

 

Komödie

Die feine Gesellschaft, F/D 2016, 122 Minuten, R Bruno Dumont, D Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi, Fabrice Luchini

 

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Manchester by the Sea

Heimelige Holzhäuser im typischen Neuengland-Stil, gerade so hoch, dass ihre Silhouetten nicht das Schweifen des Blicks über den weiten Himmel stören, durch den die Möwen in schwungvollen Bögen gleiten. Ein malerischer Hafen, in dem längst mehr Boote von Freizeitanglern liegen als von Berufsfischern. Daneben kleine Strände und Inseln in der Bucht von Massachusetts, ein Horizont, der geradezu meditative Wirkung auf aufgewühlte Geister vermittelt. Die Kleinstadt Manchester-by-the-Sea auf der Landzunge Cape Ann wirkt so idyllisch – und doch will Lee Chandler auf keinen Fall mehr dort hinziehen.

 

 

 

Nicht, dass der Hausmeister einer Wohnanlage im Bostoner Vorort Quincy so viel zu verlieren hätte an seinem aktuellen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Seine spartanische Bleibe mag man kaum ein Zuhause nennen, und obwohl er so zurückhaltend auftritt, dass man meint, er wolle am liebsten unsichtbar sein, gerät er immer wieder in Querelen mit lästigen Mietern und renitenten Kneipenbesuchern. Doch Lees nach außen hin unerfreuliches Dasein bietet ihm genau das, was er will: Anonymität, Distanz – einfach in Ruhe gelassen zu werden.

 

Manchester steht in jeder Hinsicht für das Gegenteil. Dort wuchs Lee auf, dort endete ein paar Jahre zuvor seine Ehe und sein bisheriges Leben als Familienvater. Und doch muss der schweigsame Mann an einem grauen Wintertag zurückkehren an den Ort der Erinnerungen, denn sein älterer Bruder Joe hat einen tödlichen Herzanfall erlitten und hinterlässt den 16-jährigen Patrick. Für den soll sein Onkel laut dem letzten Willen des Verstorbenen nun nicht nur die Vormundschaft übernehmen, er hat dazu – so erklärt der Notar – auch in die alte Heimat zurückzukehren. Notgedrungen fügt sich Lee; zumindest bis zur Beerdigung. Doch die muss verschoben werden, bis sich der frostige Boden wieder nachgiebiger zeigt.

 

Parallel zur jahreszeitlichen Erstarrung allen Lebens kann es natürlich auch im Falle des Innenleben des Protagonisten nur eine Frage der Zeit sein, bis der unvermeidliche Prozess des Tauens einsetzt. Allerdings erweist sich der Mann, der seine emotionalen Wunden unter dicken Schutzschichten auf Eis gelegt hat, als mindestens so hartnäckig wie die tiefgefrorene Erde. Dass dieser Mensch nicht rühren will an dem in ihm Verschütteten und vorsichtshalber jeglichen Kontakt zu anderen abblockt, zeigt schon die Körperhaltung. Gekrümmt wie unter einer unvorstellbaren Last zieht er die Schultern einem Schildkrötenpanzer gleich nach vorne, die Hände in den Taschen verborgen, das Gesicht versteinert, der Blick stets ausweichend.

 

Diese Figur ist auf gewisse Weise zugleich Quintessenz und logische Weiterentwicklung aller bisherigen Rollen ihres Darstellers Casey Affleck. Ob als Teufel in Menschengestalt in Michael Winterbottoms Noir-Groteske „The Killer Inside Me“, unterwürfiger Stalker in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ oder untypischer Privatermittler im Krimidrama „Gone Baby Gone“, bei dem sein Bruder Ben als Regisseur debütierte – stets erwies es sich als schwierig, diese jungenhaft sanfte Fassade vollends zu durchschauen. So scheint ihm der vom Schicksal niedergedrückte, fragile, aber zähe, unnahbare Lee wie auf den Leib geschrieben – und wäre doch eigentlich von Matt Damon gespielt worden, der auch Regie führen wollte und dem Projekt als Produzent verbunden blieb.

 

Was für ein Film dies geworden wäre, darüber lässt sich nur spekulieren. Fakt ist, dass Regisseur Kenneth Lonergan, der mit „You Can Count on Me“ (2000) und „Margaret“ (2011) bereits zwei stille Dramen vorlegte, den Stoff mit größtem Feingefühl und beinahe unscheinbar anmutender Abwesenheit von Eitelkeit in Szene setzt. Die Geschichte, die der zweifach für den Oscar nominierte Autor (zwei Jahre nach „You Can Count on Me“ auch für Scorseses „Gangs of New York“) hier mit Besonnenheit und psychologischer Präzision entfaltet, greift nicht zu überraschenden Wendungen und vermeidet Angriffe auf die Tränendrüsen. Dass sie dennoch auf eine langsame, aber nachhaltige Weise Wirkung erzielt, liegt neben der dramaturgischen und ästhetischen Zurückhaltung des Regisseurs vor allem an der Priorität, die er seinen Charakteren und Schauspielern einräumt.

 

Neben dem stillen, würdevollen Leiden, mit dem sich Casey Affleck allmählich in das Zuschauerherz gräbt und das ihm bereits den Golden Globe als bester Hauptdarsteller sowie zahlreiche weitere Nominierungen und Preise einbrachte, schafft es Michelle Williams als Exfrau mit wenigen Szenen ebenso, eine Flut der Gefühle zu vermitteln, die förmlich schmerzt. Beeindruckend ist auch Nachwuchsakteur Lucas Hedges als Neffe, der das Leben, seine Tiefschläge und Höhepunkte mit dem unbeschädigten Mut der Jugend und Humor zu nehmen wagt und damit zum unerwünschten emotionalen Enteiser wird. So überzeugt „Manchester by the Sea“ als authentisch wirkende Studie menschlichen Umgangs mit Trauer und Verlust und differenziertes Porträt familiärer, ja, überhaupt zwischenmenschlicher Verbindungen. Seine Kunst besteht in einer seltenen Kombination von Größe und Bescheidenheit. Ganz leise, doch so voller Wucht.

 

Drama

Manchester by the Sea, USA 2016, 137 Minuten, R Kenneth Lonergan, D Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams, Kyle Chandler

 

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Verborgene Schönheit

Was tun, wenn der Vorstand in nichts anderes mehr seine Energie steckt als in meterlange, komplizierte Domino-Strecken? Howards (Will Smith) weitläufiges Büro steht voller bunter Spielsteinchen, niemand darf es betreten, von einer oberen Treppe des verglasten Bürogebäudes schauen sich die Geschäftspartner das Trauerspiel an und schütteln die Häupter. 

Da Whit (Edward Norton), Claire (Kate Winslet) und Simon (Michael Pena) aber nicht nur Mitinhaber der allmählich strauchelnden Agentur sind, sondern dem in der Trauer um seine tödlich verunglückte kleine Tochter seelisch erkrankten Howard auch privat verbunden, beschließen sie: So geht es nicht weiter!

 

Was die ach so Besorgten daraufhin tun, ist ein besonders abschreckendes Beispiel für den Spruch von Freunden, dank derer man keine Feinde mehr braucht. Sie beauftragen nicht nur eine Detektivin, die Beweise für Howards Unzurechnungsfähigkeit beibringen soll, damit das Trio selbst – man hat schließlich die Verantwortung für Belegschaft und Familie - die Geschäftsführung übernehmen kann. Nein, die dreisten Drei heuern auch noch Schauspieler an, deren Auftritte den armen Howard geradewegs in den Abgrund stoßen sollen – als Verkörperungen der Liebe (Keira Knightley), der Zeit (Jacob Latimore) und des Todes (Helen Mirren), an die der Verzweifelte Briefe schrieb.

 

Natürlich werden am Ende alle ihre Lektionen lernen, auf dass sich wieder Harmonie und seelische Balance einstellen – egal, ob dies innerhalb der Story glaubwürdig erscheint, ob diese Lektionen mit dem Knüppel eingebläut werden müssen oder ob sich jegliche Magie, die hier so gerne beschworen werden möchte, bereits nach wenigen Minuten auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Auf dem Niveau von Selbsthilfebüchern vom Ramschtisch schludert Drehbuchautor Allan Loeb (der das Thema Trauer in „Things We Lost in the Fire“ einst ungleich subtiler anging) eine Geschichte hin, die nur unfreiwillig so zynisch wirken wollen kann.

 

Leider weiß auch Regisseur David Frankel („Der Teufel trägt Prada“) nichts Inspirierendes oder Originelles mit dem Stoff anzufangen. Was umso tragischer ist, als dass hier doch ein mehr als beachtliches Aufgebot an Schauspiel-Größen versammelt agiert. Hut ab, wie es einzig Helen Mirren dennoch gelingt, die Fesseln ihrer Rolle zu ignorieren und fröhlich eine eigene Show zu zelebrieren. Nicht deplatziert wirkt letztlich nur Will Smith, der durch „Das Streben nach Glück“ und „Sieben Leben“ ja bereits vertraut ist mit derartigen filmischen Besinnungsaufsätzen.

 

Drama

Verborgene Schönheit, USA 2016, 94 Minuten, R David Frankel, D Will Smith, Edward Norton, Kate Winslet, Helen Mirren

 

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La La Land

Mit beseeltem Lächeln blickt die Barista der prominenten Kundin hinterher, der sie im Coffee Shop des Filmstudios gerade einen großen To Go überreichen durfte und an der auch die Augen der anderen Gäste hängen, wie sie aus dem Laden schwebt. Ach, könnte Mia die Kellnerschürze doch schon für immer an den Nagel hängen, wäre sie doch am Ziel ihrer Träume und selbst eine anerkannte Schauspielerin. Doch noch will niemand ihr wahres Potenzial erkennen, weder die Café-Chefin, die die Augen rollt, weil Mia schon wieder einen Termin zum Vorsprechen hat, noch das wechselnde Casting-Personal, das die Bewerberin mit falschem Lächeln durchwinkt.

 

 

 

Fehl am Platze und grotesk verkannt trotz Talents und Feuer ist auch Sebastian, der sich unglücklich als Bar-Pianist verdingt, obwohl er sich nichts mehr wünscht als einen eigenen Jazz-Schuppen. Der Chef verbittet sich Eskapaden und verlangt genau jenen Fahrstuhl-Klangteppich, der die Kundschaft nicht beim Konsumieren und Plaudern tangiert und den ein Vollblutmusiker nur hassen kann. Zu vorgerückter Stunde, als alle noch weniger hinhören, schmuggelt Sebastian eine kleine eigene Komposition ein. Ein melancholisches Stück, das, nach draußen gesickert auf die fast menschenleere Straße, in einem Ohr hängenbleibt.

 

Instinktiv angezogen wie ein Nachtfalter vom Licht steht nun Mia in der Bar. Nichts anderes nimmt sie mehr wahr als die Musik und den Mann, aus dessen Fingern sie fließt. Auch er bemerkt sie. Doch dann setzt er dem Moment ein Ende, so brüsk, dass es schon absurd anmutet. Und obwohl schon die allererste Sekunden-Begegnung der beiden im Stau auf dem Freeway – unter energischem Einsatz einer Hupe und eines Mittelfingers – barsch verlief, und weder Mia noch Sebastian auf Partnersuche waren, werden sie bald zusammen sein. Das Traumpaar schlechthin und in vielerlei Hinsicht, das miteinander zu Höhenflügen abhebt.

 

Wobei mit letzterem nicht nur die wechselseitige Inspiration dieser Künstlernaturen gemeint ist. In einer der verblüffendsten und romantischsten Szene des Films, die seine Zuschauer polarisiert in die, die beglückt aufseufzen und jene, die spätestens jetzt das Weite suchen wollen, lässt Damien Chazelle seine Protagonisten tatsächlich fliegen. Emma Stone und Ryan Gosling an unsichtbaren Drähten unter der Kuppel des berühmten Griffith Observatoriums in himmlischer Ekstase Walzer tanzend – das hätte man nicht unbedingt erwartet von dem Mann, in dessen Regiedebüt „Whiplash“ J. K. Simmons als Lehrer aus der Hölle Schlagzeugbecken und F-Worte nach seinem Schüler schleuderte. Und doch ist in beiden Geschichten des jungen Autors und Regisseurs (Jahrgang 1985) ein ähnlicher Kern auszumachen.

 

Es geht um die Frage, ob Kunst aus Schmerz entstehen muss. Während sie in der Story um den Nachwuchs-Drummer roher und direkter behandelt wurde, weitet Chazelle nun den Blick, bezieht die Liebe in einem umfassenderen Sinne ein. Nun geht es nicht mehr nur darum, was man gibt für die eine Sache, für die man brennt, sondern auch, welche Rolle dieser eine Mensch dabei spielt, an den man sein Herz verliert. Und, schließlich, ob man auf Dauer mit gleicher Intensität zwei Leidenschaften frönen kann, der romantischen und der kreativen.

 

Bevor Mia und Sebastian an diesen Punkt gelangen, mit dem Herbst die dramatische Krise heranzieht und man sich wieder einmal fragt, warum die schönsten Liebesgeschichten die sein müssen, die an entscheidender Stelle weh tun, dürfen wir den Rausch miterleben. Einen bunten, mitreißenden, überwältigenden Trip ins La La Land, wie nicht nur L.A. genannt wird, die Heimat der Traumfabrik, sondern auch das metaphorische Reich aller Träumer - Paradies und Wolkenkuckucksheim, das jeder schon mal betreten durfte, der verliebt war oder auf andere Weise bar jeder Vernunft. Und welche Form eignete sich wohl besser für die Erkundung jenes Zustands als das (Film-)Musical?

 

Durch diese wundersame Welt zwischen Fantasie und Realität, in der Menschen im Schwange ihrer Emotionen unvermittelt in Gesang und Tanz ausbrechen als wäre das völlig normal, führt Damien Chazelle uns und seine Figuren auf virtuose Weise und mit unbändiger Detailfreude. Während er sich verbeugt vor Meilensteinen wie Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“, „Singin' in the Rain“ oder den heißgeliebten Klassikern mit Fred Astaire und Ginger Rogers, modernisiert er das Genre auf ähnlich liebevoll begeisterte und begeisternde Weise wie das vor wenigen Jahren „The Artist“ mit dem Stummfilm tat.

 

„La La Land“, das ist ein Sinnes- und Glückstaumel aus kühnen, eleganten Kameratänzen, einem unwiderstehlichen Soundtrack mit überbordenden Revue-Nummern und kleinen melodischen Juwelen, der abwechselnd die Füße wippen lässt, verzücktes Grinsen hervorzaubert und das Herz bewegt, irrwitzigen Choreografien wie der fulminanten Eröffnungssequenz auf einer Freeway-Kreuzung oder dem Stepptanz für zwei in den Hollywood Hills, eine Feier der farbenprächtigen Kostüme und unvergesslichen Sets. Und, getragen von all dem, ein Wunderwerk schauspielerischer Strahlkraft.

 

Es ist kaum vorstellbar, wer sonst außer Emma Stone und Ryan Gosling so geschmeidig in die Rollen hätte schlüpfen können, inklusive ihres gerade nicht überperfektionierten, aber so charmanten Gesangs und Tanzes. Nicht nur, weil die Chemie zwischen ihnen unmittelbar Funken schlägt, die geradezu über die Leinwand hinaus sprühen. Sondern weil beide Darsteller jene klassische Star-Qualität besitzen, die betörend wirkt, allein wenn sie bloß mit ihren unglaublichen Augen alles zum Ausdruck bringt oder er mit seinem hintergründigen Lächeln eine einzigartige Mischung aus Zeitlosigkeit und Modernität vermittelt, wie sie auch dem ganzen Film innewohnt. Ihre Mia und sein Sebastian, diese einmal so herzzerreißend besungenen, träumenden Narren, sind pure, hell leuchtende Hollywood-Magie, die sich abhebt aus dem Grau der Realität wie jenes Licht, das die Motten so in den Bann zieht.

 

Musical

La La Land, USA 2016, 128 Minuten, R Damien Chazelle, D Emma Stone, Ryan Gosling, J. K. Simmons, John Legend

 

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Passengers

Der „Hibernation Pod“ springt leise an, fährt seinen Passagier langsam in eine aufrechte Position und leitet die Rückkehr aus dem künstlich induzierten Tiefschlaf ein. Als Jim Preston mit einem langen Atemzug erwacht, fühlt er sich desorientiert. Das sei ganz normal, beruhigt ihn das weibliche Hologramm in seiner Schlaf-Ellipse. Auch eventueller Schwindel, so verspricht die freundliche Stimme, die den geschwächten Mann zu seiner Kabine dirigiert, lege sich bald. Nach ein paar Stunden echtem Schlaf fühlt sich Jim besser und bereit, zur Einweisung mit den neuen Teamkollegen anzutreten. Im Versammlungsraum fällt ihm endlich auf, was wir als Zuschauer seit den ersten Bildern aus dem Inneren des Raumschiffs Avalon wissen: Passagier James Preston ist ganz alleine hier oben.

 

 

 

Abgesehen natürlich von den 5000 anderen Fluggästen plus Besatzung, die die 120 Jahre dauernde Reise von der Erde zum sehr weit entfernten Planeten Homestead II angetreten haben, um dort dereinst als erste Kolonisten den Neuanfang zu wagen. Nur fliegt die Avalon plangemäß auf Autopilot und alle menschlichen Körper an Bord sind auf Winterschlaf heruntergeregelt. Und durch eine Fehlfunktion ist nur Jim zu früh geweckt worden. Er hätte noch 90 Jahre ruhen sollen. Selbst, als der Maschinenbauingenieur aus Denver herausfindet, wie man eine Nachricht an die Betreiber von Homestead und Avalon senden kann, hilft das wenig. Zwar ist die Videobotschaft erstaunlich schnell abgeschickt, doch dann folgt das ernüchternde Sendeprotokoll. Es wird Jahrzehnte dauern, bis eine Antwort kommen könnte. Gebühr für diesen Service: Über 6000 Dollar.

 

Der erste Akt der Space-Robinsonade ist voll von solchen bösen kleinen Gags, die auf Kosten des Protagonisten gehen, jedoch das Drama auf bewährte amerikanische Art auflockern. Nur nicht den Sportsgeist verlieren, auch wenn man so einsam wie Major Tom durchs All trudelt und wohl auch in dieser interstellaren Isolationshaft sterben wird. Also arrangiert sich Jim relativ schnell mit seiner Situation und nutzt die vielfältigen Angebote, die die Luxus-Raumfähre zu bieten hat. Fitnesstraining, Spiel und Spaß im Freizeitcenter, Dinner in internationalen Restaurants, wo er bald mit den Service-Robotern auf Du und Du ist. Die einzige quasi-humanoide Ansprache erhält Jim von Arthur, dem Barkeeper ohne Unterleib, einem Cyborg. Doch der Mensch ist ein soziales Tier, und so verfällt unser Weltraumschiffbrüchiger schließlich in dumpfes Brüten und schleicht mit wucherndem Haupt- und Gesichtshaar durch die Gänge. Auftritt Aurora Lane. Auch die New Yorker Journalistin ist zu früh geweckt worden.

 

Bis zum Finale wird es noch einige Wendungen geben, die der Handlung immer wieder Kurskorrekturen verpassen, die man nicht unbedingt erwartet hätte. So wandelt sich die Robinsonade zunächst zur Romanze, und dann wieder zum mit Justizelementen versetzten Drama, um schließlich über eine Sci-Fi-Action-Abenteuer-Strecke bei einer melancholischen Utopie zu landen. Das wirkt ambitioniert, zumal unterwegs moralphilosophische Stromschnellen zu bewältigen sind, die nicht weniger beinhalten als einige große Fragen zum Menschsein an sich und dem Sinn des Lebens, zum freien Willen, zur Liebe und zum generellen Miteinander unserer Spezies. Dabei schrumpft die gigantische Avalon allerdings schnell zur Nussschale.

 

Anders als jüngere Genre-Werke wie Denis Villeneuves „Arrival“, Christopher Nolans „Interstellar“ oder die Beinahe-One-Man-Shows „Moon“ mit Sam Rockwell und „Der Marsianer“ mit Matt Damon, steht hier keine Erzählung mit Tiefe und Intelligenz im Mittelpunkt. Was schade ist, weil der Stoff, der zehn Jahre in der Entwicklungshölle unverfilmter Drehbücher lag, so viel mehr hergegeben hätte. Sony Pictures, die sich schließlich die Rechte sicherten und den Norweger Moren Tyldum (oscarnominiert für „The Imitation Game“) mit der Regie beauftragten, waren offenbar eher interessiert an einem Hochglanzprojekt; einem Starvehikel, das in erster Linie ordentlich Kasse machen soll. Und so würde man das Ergebnis auch eher in eine Reihe stellen mit Sciencefiction-Produktionen wie „A World Beyond“ mit George Clooney, „Oblivion“ mit Tom Cruise oder „After Earth“ mit Will Smith. Auf eine oberflächliche Weise zeitlich begrenzt unterhaltsam.

 

Sichtlich teuer und ziemlich schick ist schon alles an Bord der Avalon. Man begleitet die Figuren mit Vergnügen durch die cool designten Räume, in die elegante Bar, die so sehr an Kubricks „Shining“ erinnert, in eine zweistöckige Luxus-Suite im Apple-Style oder den sensationellen Pool mit Kugelfenster und All-Blick. Preisverdächtig sind auch die Kostüme, vor allem die von Aurora, und unzählige Gimmicks und nette Details bereiten so viel Spaß wie die neuesten Technik-Spielereien, die man auf einer Fachmesse bewundert. Die ethischen Fragen, die in diesem Ambiente gereicht werden, wirken dann allerdings so aufgesetzt wie das programmierte Lächeln des ewig die Gläser polierenden künstlichen Menschen.

 

Dieser ist ein fabelhafter Hingucker, ein einnehmender Mix aus 1a-Tricktechnik und schauspielerischem Charisma, das Michael Sheen mit britischem Charme versprüht. Man kann sich gut vorstellen, dass sein Arthur eine der wenigen bleibenden Erinnerungen an „Passengers“ sein wird. Jennifer Lawrence und Chris Pratt machen nichts verkehrt und sind auch ein hübsches Paar. Doch eine emotionale Verbundenheit mit ihren Charakteren mag sich nicht recht einstellen. Man bleibt ähnlich unberührt von beider Schicksal, als wären auch sie nicht mehr als Hologramme.

 

Sciencefiction

Passengers, USA 2016, 116 Minuten, R Morten Tyldum, D Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen

 

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