Medianeras

Manchmal braucht ein fesselnder Film keinen originellen Plot. Wenn das Wie stimmt, kann das Was auch einfach die alte Geschichte von zwei Menschen auf der Suche nach der wahren Liebe sein, die füreinander bestimmt sind, sich aber nicht finden können. Wie bei Mariana und Martín, zwei Um-die-Dreißigjährigen aus Buenos Aires.

Von ihm hören wir zunächst nur die Stimme; Martín sinniert über die Stadt, in der er lebt, während wir eine Collage von Fassaden der architektonisch zerrissenen Metropole sehen. Er ist überzeugt, dass „Trennungen, Scheidungen, Gewalt in der Familie, das Überangebot an Kabelfernsehen, Einsamkeit, Lustlosigkeit, Antriebsschwäche, Depression, Selbstmorde, Neurosen, Panikattacken, Fettleibigkeit, Verspannungen, Unsicherheit, Hypochondrie, Stress und Immobilität Architekten und Bauunternehmer zu verantworten haben“. Auf ihn treffe all das (außer Selbstmord) zu. Wow.

Mariana ist Architektin. Mangels Job verdient sie ihr Geld als Schaufensterdekorateurin und lebt beim Arrangement dieser Tableaus ihre Kreativität aus. Mariana wohnt, ebenso wie der Webdesigner Martín, nach einer Trennung allein in einem Einzimmerappartement. Beide nennen ihre dunkle Behausung Schuhkarton, beide haben – außer mit ihren Ängsten und Neurosen – vor allem mit dem Alleinsein zu kämpfen in jener Hauptstadt, in der 13 Millionen Menschen, ein Drittel aller Argentinier, zusammen und aneinander vorbei leben.

Eine von den vielen, äußerst treffenden Metaphern, mit denen „Medianeras“ (auf Deutsch: Trennwände) arbeitet, ist das Wimmelbilderbuch „Wo ist Walter?“. Mariana nennt es das Schlüsselbuch zu ihrem Leben. Ein einziges Bild, auf dem sich der Junge mit dem rot-weiß-geringelten Pullover versteckt, hat die junge Frau bislang nicht knacken können: das von Walter in der Stadt. „Wenn ich jemanden nicht finde, den ich kenne, wie soll ich jemanden finden, von dem ich nicht mal weiß, wie er aussieht?“, fragt sich Mariana.

Das Wunderbare an dieser nie albernen, dafür sehr melancholisch-leisen, romantischen Komödie ist, dass solche Sentenzen der Protagonisten völlig ungekünstelt wirken. Auch die Monologe aus dem Off, die in parallelen Handlungssträngen ihre Entwicklungen begleiten, fügen sich geschmeidig in den Erzählfluss. Man kommt aus dem Staunen darüber nicht heraus, wie detail- und einfallsreich Marianas und Martíns jeweilige Geschichte (Alltag, Beruf, Annäherungsversuche an das andere Geschlecht, Träumereien) ausgeschmückt wird, hält die Luft an, wenn sich ihre Wege wieder einmal kreuzen, und ringt die Hände, da sich einmal mehr nicht bemerkt haben.

Gustavo Taretto hat die verhinderte Romanze bereits in einem (mit 40 Preisen ausgezeichneten) Kurzfilm inszeniert, den er nun mit seinem bezaubernden, großartig fotografierten Spielfilmdebüt toppt. Javier Drolas spielte schon damals den Martín; für Mariana wurde mit Pilar López de Ayala eine tolle neue Darstellerin gefunden. Beide verkörpern ihre Rollen mit so viel Charme und Natürlichkeit, dass man ihnen ein Happy End in der wimmelnden Stadt von Herzen wünscht.

für den Kölner Stadt-Anzeiger

Marvel’s The Avengers

Loki hat eine Schneise der Verwüstung im Stuttgarter Opernhaus hinterlassen. Den auf den Schlossplatz nahe des Hauptbahnhofs geflohenen Menschen befiehlt der nordische Gott, niederzuknien. Nur ein greiser Wutbürger erhebt sich. Vor solchen wie Loki werde er sich nicht mehr beugen. Gerade will der wutentbrannte Ase den renitenten Alten entleiben, da springt als Deus ex machina Captain America dazwischen und rettet die Germans, an die er sich von seinem letzten Einsatz noch gut erinnert.

Auch ohne den Iron Man, der kurz darauf inklusive AC/DC-Fanfare heranrauscht, wirkt diese frühe Sequenz aus „The Avengers“ bizarr. Warum sich die Konfrontation, bei der Thors finsterer Halbbruder vorerst dingfest gemacht wird, ausgerechnet in Baden Württembergs Landeshauptstadt ereignen muss, bleibt ein Rätsel. In ihrer Absurdität ist die Szene indes einer der ironischen Höhepunkte des Films. Sucht man nach mehr intelligentem Humor, wird man nur bedingt fündig.

Dabei wird das 220-Millionen-Dollar-Spektakel als früheste Wundertüte des kommenden Kinosommers ins Rennen geschickt – noch vor dem Abschluss der Batman-Trilogie seitens der Konkurrenz. Auf den gemeinsamen Auftritt der „mächtigsten Helden der Welt“ hatten die zum gleichnamigen Comicverlag gehörenden Marvel-Studios generalstabsmäßig hingearbeitet, um die Entwicklung vom reinen Lizenzgeber zur lukrativeren Produktionsgesellschaft zu vollziehen.

Bereits in den erfolgreichen Eigenproduktionen aus 2008, „Iron Man“ und „The Incredible Hulk“, etablierten die Studios die Geheimorganisation S.H.I.E.L.D. („Strategische Heimat-Interventions-, Einsatz- und Logistik-Division“). In diesen beiden Filmen, in „Iron Man 2“ (2010), sowie „Thor“ und „Captain America – The First Avenger“ (beide 2011) tritt der Chef dieser Einheit, Nick Fury (Samuel L. Jackson) kurz in Erscheinung.

In „The Avengers“, dem filmischen Äquivalent zur musikalischen Supergroup à la „Crosby, Stills, Nash and Young“, trommelt Fury nun die vier vorab eingeführten Helden zusammen und ergänzt ihr Team um die Agentin Black Widow (Scarlett Johansson) und den Bogenschützen Hawkeye (Jeremy Renner). Ihre Mission: Nur noch kurz die Welt retten. Dazu müssen „Die Rächer“ (so hießen die alten Comics früher auf Deutsch) dem Antagonisten Loki ein kosmisches Machtinstrument abnehmen und den Fiesling samt außerirdischer Unterstützung unschädlich machen. Beinahe schwieriger: das Teambuilding der neurotischen Egozentriker.

Das Problem ist, dass die perfekt konstruierte Story, die tatsächlich auch Neulinge im filmischen Marvel-Universum ins Boot holt, genau so wirkt – schematisch und wie in Plastik gegossen. Das Prinzip funktioniert ähnlich wie bei der „Twilight“-Reihe, nur diesmal für Jungs und Jung(s)gebliebene: Erwachsene können verstehen, dass und warum Teens das mögen, fühlen sich aber selbst kaum angesprochen. Es stehen halt die Sensationen im Mittelpunkt. Die Materialschlachten werden von Regisseur Joss Whedon („Buffy – Im Bann der Dämonen“) ebenso routiniert abgewickelt, wie die Schauspieler ihre Rollen angehen.

Allenfalls Robert Downey Jr. alias „Iron Man“ Tony Stark sticht mit einigen witzigen Momenten hervor, und Neu-Hulk Mark Ruffalo verleiht dem grünen Wüterich unerwartet trockene Lakonie. Man kann sich also durchaus amüsieren mit den Avengers. Vor allem, wenn man noch gut die Stunden im Kinderzimmer in Erinnerung hat, in denen man mit blühender Fantasie die haarsträubendsten Figurenkonstellationen mit Lust an der Zerstörung aufeinanderprallen ließ.

für den Kölner Stadt-Anzeiger

Der goldene Drache

Im China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“ wickelt der neue Junge ein langes, rotes Band ab. Es ist das Blut, das nicht aufhören will, aus ihm heraus zu sickern, als die Kollegen dem Chinesen ohne Papiere mit der Rohrzange einen kranken Zahn entfernen. Es ist auch der rote Faden, der die Schicksale der Asiaten aus der Garküche und ihrer Stammgäste verknüpft. Traurige Episoden sind das, über Einsamkeit, Verlust und Gewalt; am Schlimmsten trifft es in einer Variation der Fabel das Grillenmädchen, das von der Ameise zur Prostitution gezwungen wird.

Die Schärfe des Sozialdramas mildert Roland Schimmelpfennig in seinem nach dem Lokal betitelten Stück durch märchenhaft absurde Komik und Verfremdungselemente ab. Rüdiger Pape nimmt in seiner Inszenierung am Theater im Bauturm diesen Faden auf, indem er gold-grünen Chinatown-Kitsch samt Gong-Woks auffährt und seinem Ensemble Drumsticks in die Hände gibt, die zu Kochutensilien, Krücken oder jenem kariösen Zahn werden. Die fünf glänzenden Darsteller wechseln rasant Rollen, Geschlecht und Physis, bleiben dahinter stets als Schauspieler wahrnehmbar und verschwinden doch immer wieder für berührende Momente in ihre Figuren. Ein ungewöhnliche tragische Komödie, die hier auf den Punkt süßsauer angerichtet wird.

für den Kölner Stadt-Anzeiger

Julia Jentsch im Interview

Bei Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln sitzt die Theater- und Filmschauspielerin Julia Jentsch (”Sophie Scholl”) in diesem Jahr in der Jury des Debüt-Spielfilmwettbewerbs. Für den Kölner Stadt-Anzeiger sprach ich mit ihr über das Festival und ihre Erfahrungen mit Regisseurinnen und Regisseuren.

Frau Jentsch, hat es für Sie eine besondere Bedeutung, dass Sie Jurorin in einem Festival für Filme von Frauen sind?

JENTSCH Ich freue mich, in diesem speziellen Rahmen Filme zu sehen und bin neugierig darauf, was passiert, wenn so viele Arbeiten von Frauen gezeigt werden und auf die Diskussionen mit den Filmemacherinnen. Geht davon eine bestimmte Kraft aus? Finde ich bestimmte Themen? Ich finde es gut, dass es ein Filmfest gibt, wo der Fokus auf der Frauenarbeit liegt, da sie einfach immer noch eine Minderheit im gesamten Filmschaffen ist.

Sie selbst haben sowohl unter der Regie von Frauen als auch von Männern gedreht…

JENTSCH Das ist bei mir fast fifty-fifty. Mir war das gar nicht bewusst, aber mir hat mal eine Regisseurin gesagt: Ich habe in deine Vita geguckt, und du hast so viel mit Frauen gearbeitet. Suchst du dir das speziell aus? Aber das hat sich einfach so ergeben. Von meinen letzten sechs Filmen waren fünf mit Regisseurinnen.

Macht es für Sie einen Unterschied, wenn Sie sich als Schauspielerin ein Projekt aussuchen, ob eine Regisseurin, Produzentin oder Kamerafrau beteiligt ist?

JENTSCH Ich habe noch nie ein Projekt zu- oder abgesagt, weil es eine Frau oder ein Mann gemacht hat. Ich schaue eher danach, ob mich die Geschichte interessiert. Ob ich mit der Regisseurin oder dem Regisseur an der Idee des Films arbeiten kann, ob man sich da versteht. Bei diesen Kriterien spielt das Geschlecht für mich keine Rolle.

Und wenn Sie Filme anschauen? Erkennen Sie so etwas wie einen weiblichen Blick?

JENTSCH Das ist mir – vielleicht, weil ich noch nicht bewusst darauf geachtet habe – noch nicht aufgefallen. Ich glaube aber schon, dass man bei einem gleichen Thema, das von einer Frau oder einem Mann verfilmt wird, sieht: Aha, der einen Frau liegt jetzt, vielleicht stellvertretend für andere, besonders an etwas oder sie setzt den Fokus anders als ein Mann. Bestimmte Dinge können halt nur Frauen erzählen.

Zum Beispiel?

JENTSCH Ich denke, vielleicht weil es auch bei mir Thema war, an Geburt oder Schwangerschaft. Da haben Frauen sicher ein anderes Anliegen, darüber zu erzählen. Oder vom Muttersein, Situationen im Beruf, Kindern – was bei einem Mann wieder anders aussehen würde.

Ist es bei der konkreten Arbeit, zum Beispiel bei erotischen Szenen wie in „Effi Briest“, leichter, mit einer Frau zu drehen?

JENTSCH Liebes- oder Nacktszenen zu drehen, das ist immer eine spezielle Situation. Da hat es für mich keinen Unterschied gemacht, ob es eine Regisseurin war. Es sind ja in dem Moment eh Frauen und Männer am Set.

Wenn es letztlich weniger auf das Geschlecht als auf das Individuum ankommt, das Regie führt: Welchen Sinn hat dann ein Frauenfilmfestival?

JENTSCH Ich denke, es ist die Suche danach, was vielleicht verbindet. Und ich finde es wichtig, solange es noch eine Minderheit an Frauen gibt, die in dem Beruf arbeiten, das Augenmerk darauf zu richten. Im Endeffekt ist es ja auch wieder gut, wenn es keinen Unterschied macht, ob eine Frau den Film dreht oder ein Mann. Keiner will wohl nach dem Motto beurteilt werden: Ach, das ist ja toll, dass du den Film gemacht hast – obwohl du eine Frau oder ein Mann bist. Sondern individuell als Künstler.

In welchen Filmen werden wir Sie als Nächstes sehen?

JENTSCH Ich denke, dass noch in diesem Jahr zwei Filme in die Kinos kommen werden. Einer von Antonin Svoboda über den Körpertherapeuten Wilhelm Reich, in dem ich seine Tochter Eva gespielt habe. Der andere ist „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta, wo Barbara Sukowa die Hauptrolle spielt und ich ihre Sekretärin und Freundin.

Anton Corbijn – Inside Out

Er hatte sie alle vor der Kamera: Joy Division, Johnny Cash, The Rolling Stones, Herbert Grönemeyer, David Bowie, Miles Davis – um nur ein paar zu nennen. Der Musikfan Anton Corbijn fotografiert seit über 30 Jahren Stars der Popkultur, drehte zahlreiche Videoclips und bislang zwei Spielfilme (2007 das Ian-Curtis-Biopic „Control“, 2010 „The American“ mit George Clooney). Wohl am berühmtesten sind seine Arbeiten mit Depeche Mode und U2, für die er Cover von jeweils acht Alben gestaltete und maßgeblich das visuelle Image prägte.

Die Fotoserie für „The Josuha Tree“ etwa zeigte die vier Iren als strenge, verschlossene Gestalten, verloren in der kargen Weite der kalifornischen Wüste. Überhaupt wirken die Menschen auf Corbijns Schwarz-Weiß-Porträts froh. Nachdenkliche, skeptische oder abweisende Mienen dominieren; Clint Eastwood bohrt seinen Zeigefinger aggressiver in den Bildvordergrund als Uncle Sam, Henry Rollins brüllt den Betrachter mit geschwollenen Halsadern und dunkel gefärbtem Gesicht an.

Was mag das für ein Mann sein, der solche kunstvollen Einsamkeitsstudien inszeniert? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Klaartje Quirijns Annäherung an Anton Corbijn. Die Regisseurin dreht den Spieß rum, macht den Porträtfotografen zum Porträtierten und lässt sich von der (anfänglichen) Reserviertheit des Einzelgängers nicht bremsen. Über drei Jahre begleitete die Niederländerin ihren Landsmann; zu Shootings, auf Konzerte und Filmsets, aber vor allem in private Situationen.

Quirijns besucht mit Corbijn das Haus seiner protestantischen Kindheit in Südholland, spricht mit der Mutter und der Schwester, die sich um die Gesundheit des Workaholics sorgt. Der liegt schließlich auf der Couch, als sei die Regisseurin seine Analytikerin, und macht zwar genau darüber Witze, öffnet sich aber auch immer mehr. Die Nähe, die die Filmemacherin herstellt ist verblüffend. So erfährt man tatsächlich viel über den Mann hinter der Hasselblad, auch wenn das gesammelte Material dramaturgisch etwas wahllos arrangiert wirkt.

Weniger Gewichtung erfährt das Werk des introvertierten Künstlers. Was schade ist, zumal dieser selbst über sich sagt: „Ich bin hier für das, was ich tue und nicht für das, was ich bin.“ Dennoch: Gespräch mit Musikern wie Bono, Lou Reed oder James Hetfield von Metallica fehlen nicht; bei ihren Sessions darf man Mäuschen spielen. Eine Auswahl von Corbijns berühmtesten Stills wird immer wieder zwischengeschoben. Wie diese entstanden sein mögen, das kann man sich nach dieser Dokumentation ein bisschen besser vorstellen.

veröffentlicht im Kölner Stadt-Anzeiger

Im Reich der Raubkatzen

Nach „Unsere Erde“, „Das Geheimnis der Flamingos“ und „Unsere Ozeane“ ist dies die vierte Dokumentation, die das Label „Disneynature“ ins Kino bringt. Diesmal geht es in die afrikanische Savanne; im Mittelpunkt stehen die majestätischen Großkatzen, die im Zoo zu den Publikumsmagneten gehören. In parallelen Handlungssträngen werden die Lebenswege der jungen Löwin Mara und der Gepardenmutter Sita erzählt. Während in Maras Rudel ein neues Männchen die Führung übernimmt und den Nachwuchs des alten Anführers gefährdet, verteidigt die Gepardin ihre Jungen alleine gegen Feinde. Zu denen gehört auch der neue „König der Löwen“.

Es ist faszinierend, wie es den Filmemachern gelingt, mit dem gesammelten Material Geschichten zu erzählen und diese durch Spannungsbögen zu verdichten wie in einem Spielfilm. Das ist einer ausgeklügelten Montage zu verdanken, die treffend Beziehungen zum Erzählten und den Perspektiven ihrer „Protagonisten“ herstellt. Der Tonfall des Kommentators Thomas Fritsch weist die Doku eindeutig als Kinderfilm aus, auch wenn die Ausdrucksweise nicht immer auf Augenhöhe mit dem Zielpublikum ist. Zum Glück halten sich dabei Vermenschlichung und Ungenauigkeit in Grenzen. Allzu sensibel sollten die jungen Zuschauer allerdings nicht sein, denn manche Situation ist härter als in „Bambi“ und permanente, realistisch vermittelte Bedrohungen sorgen für Nervenkitzel. Großartig und unbedingt kinotauglich sind die Bilder mit ihrer Nähe zu den eindrucksvollen Tieren und fantastischen Panoramen.

veröffentlicht im Kölner Stadt-Anzeiger

Frauenfilmfestival 2012

Frauen nicht (nur) vor, sondern vor allem hinter der Kamera in eine bessere Position zu bringen – dieses Ziel verfolgt das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund|Köln (IFFF) jedes Jahr aufs Neue. Obwohl sich das Filmgeschäft nach wie vor als Männerdomäne erweist, nehmen die Organisatorinnen des Festivals Fortschritte wahr. Drehbuchautorinnen und auch Regisseurinnen werden mittlerweile in mehr Produktionen eingesetzt. Dürftig bleibt dagegen der Frauenanteil im Bereich Bildgestaltung.

Deswegen gilt der nationale IFFF-Wettbewerb für weibliche Kameraleute – bislang in den Dortmunder Jahren des alle zwei Jahre wechselnden Festivals verliehen, jetzt erstmals in Köln – immer noch als Besonderheit, die man andernorts vergeblich sucht. Hier stehen die Gewinnerinnen bereits fest. Julia Daschner, Absolventin der Kölner Kunsthochschule für Medien, wird für die elegante Kameraführung in ihrem Amour-fou-Drama „Bergig“ ausgezeichnet. Der Preis im Bereich Dokumentarfilm geht an Eva Katharina Bühler. In „Der weiße Schatz und die Salzarbeiter von Caquena“ geht sie den Auswirkungen des durch Handys, Laptops und Batterien gesteigerten Bedarfs an Lithium auf die Indiogemeinschaften nach, die den Stoff abbauen.

Politisch und sozial relevante Themen ziehen sich auch in diesem Jahr wieder durch das Festivalprogramm. In der Hauptsektion, dem internationalen, mit 10.000 Euro dotierten Debüt-Spielfilmwettbewerb, findet sich „Return“, ein Drama um eine US-Soldatin, die nach der Heimkehr von einem Militäreinsatz Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung hat. Das Schicksal eines illegalen Einwanderers („Spanien“), das trostlose Leben einer Saisonarbeiterin an der georgischen Küste („Salt White“) und das Sterben einer brasilianischen Region, in der vormals Kaffee angebaut wurde („Stories Only Exist When Remembered“), sind ähnliche engagierte Sujets.

Was die Protagonistinnen der acht sehr unterschiedlichen Wettbewerbsbeiträge eint: Sie sind keine Opfer, egal, wie schwierig sich ihre Lebensumstände gestalten. Diese Frauen und Mädchen tun das, was allein sie für richtig halten. Das gilt besonders für die junge Lehrerin, die in „Nuit #1“ nach einem One-Night-Stand unerwartete Intimität erlebt oder die Gymnasiastinnen im verträumt in Szene gesetzten „17 Filles“, deren Vorstellung von Selbstbestimmung es ist, kollektiv schwanger zu werden. Ihren eigenen Weg findet schließlich auch die 11-Jährige im dunkel-poetischen „Zephyr“ – einer Coming-of-Age-Fantasie, die mit großartigen Naturbildern das Innenleben des Kindes sichtbar macht.

Die eindringlichste Liaison zwischen brisantem Inhalt und adäquater visueller Gestaltung gelingt dem Drama „Sur la planche“, das zugleich das perfekte Bindeglied zwischen dem Spielfilmwettbewerb und dem diesjährigen Länderschwerpunkt „Die arabische Welt“ bildet. Im Mittelpunkt des marokkanischen Globalisierungs-Dramas steht Badia, die zusammen mit ihrer Freundin in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Hafenstadt Tanger gekommen ist – wo die jungen Frauen im Akkord europäische Krabben pulen müssen und sich nebenbei mit Prostitution und Diebstählen über Wasser halten. Grellneonweiß ist der Alltag in der Fabrik, zwielichtig, wie ihr Umgang, das Halbdunkel der autarken Nächte.

Badia ist eine kraftvolle Heldin, die ständig unter Strom steht und sich auch ohne fließend Wasser im Slum immer wieder fast zwanghaft die Haut schrubbt; als wolle sie nicht nur all den Dreck loswerden, sondern auch die Raupenhaut, die sie noch am Schmetterlingsdasein hindert. Diese jungen Frauen, die nach persönlicher Freiheit streben, wirken wie Keimzellen künftiger Revolutionen.

Die insgesamt neun Spiel- und Dokumentarfilme im arabischen Programm stammen alle aus der Zeit unmittelbar vor den Aufständen in Nordafrika. Die Produktionen kommen aus Ägypten, Tunesien, Marokko, Jordanien und dem Libanon. In der deutschen Dokumentation „Schildkrötenwut“ erzählt die in Berlin geborene Pary El-Qalqili die Geschichte ihres palästinensischen Vaters und seiner gescheiterten Rückkehr in die Heimat.

Alle diese Filme reflektieren das Spannungsfeld der arabischen Welt der letzten Jahrzehnte. Es geht darum, sich die eigene Geschichte anzueignen, ein unabhängiges kulturelles Leben zu führen und, immer wieder, um Bildhoheit. Besonders deutlich wird das in „Forbidden“ von der ägyptischen Filmemacherin Amal Ramsis. Den Dreh zu ihrem Dokumentarfilm begann sie ohne Erlaubnis der Behörden; sie filmte – trotz strikten Verbots – das Leben auf den Straßen Kairos und interviewte Menschen, die ihren Unmut dem repressiven Staat gegenüber äußern. In den letzten Drehtagen, Ende Januar 2011, wird sie von den Ereignissen überholt, als die Massenproteste den Umbruch des Landes einleiten. Am Ende des Zeitdokuments umrundet Ramsis’ Kamera eine Frau, die das Geschehen ihrerseits aufzeichnet: auf offener Straße, frei, mit einem Camcorder in der Hand.

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Das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund|Köln zeigt bis Sonntag, den 22. April 102 Filme von Regisseurinnen aus 29 Ländern. Eröffnet wird heute um 19.00 Uhr im Odeon-Kino mit „Der weiße Schatz und die Salzarbeiter von Caquena“.

Festivaltipp: Die bildgewaltige Verfilmung des kontroversen Bestsellers „We Need to Talk about Kevin“, die erst im Sommer ins Kino kommt (Filmforum, 20. April, 20.00 Uhr). Tilda Swinton gewann für ihre Darstellung als Mutter eines Amokschützen den Europäischen Filmpreis.

Das gesamte Programm: www.frauenfilmfestival.eu
Begleitendes Weblog von Studierenden der Fachhochschule Köln: http://festivalblog.or.yourweb.de/2012/

veröffentlicht im Kölner Stadt-Anzeiger

Monsieur Lazhar

„Ich liebe Kinder.“ Mit diesem ebenso schlichten wie essentiellen und glaubhaft vorgebrachten Argument stellt sich Bachir Lazhar als Aushilfslehrer vor. Eine Haltung, die ihm den Zuschlag der Schulleiterin und im weiteren Verlauf das Vertrauen der Kinder einbringt. Die bescheidene Warmherzigkeit, die schon in dieser frühen Szene spürbar ist, wird sich im gesamten Film ausbreiten. Was insofern wie Balsam wirkt, als dass die schockierende Ouvertüre hier bereits Fundamentales ins Wanken gebracht hat.

Dabei fängt alles ganz harmlos an. Ausgelassen spielen die Sechstklässler auf einem winterlichen Pausenhof in Montreal. Alice erinnert ihren Klassenkameraden Simon, dass er an der Reihe ist, die Schulmilch zu verteilen. Als der Junge die Plastikpalette mit den Trinkpäckchen durch den leeren Flur zum Klassenzimmer trägt, bleibt er vor der halb geöffneten Tür wie angewurzelt stehen. Über den Pulten hängt der aufgeknüpfte Körper der Klassenlehrerin.

Dieses Bild, nur kurz zu sehen aus der Perspektive Simons, der sofort losläuft, um Hilfe zu holen, katapultiert uns als Zuschauer mitten hinein ins Geschehen. Erwachsene versuchen, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Scheuchen die Kindern, die mit dem Klingeln der Pausenglocke ins Gebäude strömen, wieder nach draußen. Entsetzt nehmen wir wahr, dass Alice am Pulk vorbeigekommen ist und ebenfalls in den Klassenraum späht. Und während sich die Ereignisse überschlagen, drängt sich eine Frage in den Vordergrund: Was muss passiert sein, damit eine Lehrerin so etwas tut?

Es ist ein eindringlicher, aber keinen Moment reißerischer Auftakt, mit dem Regisseur Philippe Falardeau sein Publikum packt. In der Adaption eines Ein-Mann-Theaterstücks geht der diesjährige kanadische Beitrag für den besten fremdsprachigen (Originalton: Französisch) Film mit Präzision und Fingerspitzengefühl vor, wenn er dem Protagonisten den Boden bereitet. Als Bachir Lazhar im Büro der Direktorin auftaucht, ist diese ratlos. Keiner aus dem Pool für Aushilfskräfte will die traumatisierte Klasse übernehmen. Doch der aus Algerien immigrierte Lehrer hat schon ganz andere Schrecken überstanden.

Das bindet er seiner neuen Chefin freilich nicht auf die Nase. Während wir nach und nach, in außerschulischen Szenen mit einem Anwalt und vor Gericht, vom Schicksal des Asylbewerbers erfahren, konzentriert sich der zurückhaltende Mann im Unterricht auf seine heikle pädagogische Herausforderung. Heikel auch auf Nebenschauplätzen, wo kulturelle Unterschiede Stolpersteine legen. „Sie sind nicht von hier. Sie bekommen die Feinheiten nicht mit“, sagen die Eltern. „Wir fassen hier die Kinder nicht an“, betont die Schulleiterin. Außer dem Züchtigungsverbot ist aber auch das Tabu jeglicher Berührung der Kinder durch die Lehrkräfte gemeint.

Was auch Auswirkungen bringt wie mit schwerem Sonnenbrand vom sommerlichen Ausflug heimkehrende Schüler, die von den Erwachsenen nicht eingecremt werden dürfen. Als Eiertanz erweist sich also nicht nur das Miteinander zwischen den Kulturen, sondern auch im Mikrokosmos Schule. Besonders in der Ausnahmesituation, in der statt aktiver Bearbeitung der Trauer das betreffende Klassenzimmer neu gestrichen wird. Die Kinder den Raum tauschen zu lassen, meint die Rektorin lakonisch, sei nicht nur aus Platznot unmöglich, sondern wäre schließlich auch, wie den Schnee einfach in des Nachbars Garten zu schippen. Mit dem Schnee muss Lazhar also alleine zurechtkommen, und dank seiner intuitiven Fähigkeiten gelingt es dem Pädagogen schließlich, das Eis zum Tauen zu bringen.

Philippe Falardeau, bekennender Fan der britischen Sozialdramen-Experten Ken Loach und Mike Leigh, erzählt diese Geschichte über Krisen und Annäherungen in einem unspektakulären Ton, der zu seiner Titelfigur passt. Das bedeutet Realismus, der mitunter dokumentarische Wirkung erreicht, und Verzicht auf Klischees. In diesem Fall heißt das aber auch, dass in der Dramaturgie ebenso Leerstellen gelassen werden wie im echten Leben. Dass so nicht jede Frage beantwortet wird, ist unbefriedigend.

Ein sichere Hand beweist der Regisseur, der für „Ich schwör’s, ich war’s nicht!“ bei der Berlinale 2009 mit dem Gläsernen Bären der Kinderjury ausgezeichnet wurde, in der Führung seiner jungen Darsteller. Sensationell ist das Spiel der elfjährigen Sophie Nélisse, die Alice mit einer Mischung aus Reife und Verletzlichkeit verkörpert; herausragend auch Émilien Néron als emotionales Klassenthermometer Simon.

Auf Augenhöhe mit den Kindern begibt sich Hauptdarsteller Mohamed Fellag. Der wie sein Alter Ego aus Algerien geflohene und heute auch in Frankreich populäre Komiker und Autor verleiht Bachir Lazhar eine Mischung aus Engagement, Respekt und Herzlichkeit, wie sie die imaginäre Stellenausschreibung für den idealen Erzieher fordern könnte. Mit einer kleinen Geste drückt er am Ende trotz oder gerade wegen aller Umstände das aus, wofür sein pädagogisches Ethos steht.

für den Kölner Stadt-Anzeiger

Nathalie küsst

Mit einer finalen Hochzeit entlassen uns Komödien traditionell zurück in die Realität. Ereignen sich Antrag und Feier bereits nach wenigen Filmminuten, darf man zu Recht um das Glück der Frischvermählten bangen. So auch im Fall von Nathalie (Audrey Tautou). Gerade hat sie mit ihrem Mann ein Nest in Paris gebaut und eine aussichtsreiche Stelle angetreten, da gerät er in einen tödlichen Unfall.

Die junge Witwe kompensiert ihre Trauer mit Engagement im Büro. So erklimmt sie zügig die Karriereleiter, verschließt sich aber sozialen Zerstreuungen und erst recht der Aussicht auf eine neue Beziehung. Umso überraschender, dass Abteilungsleiterin Nathalie eines Tages in einer Mischung aus Geistesabwesenheit, neuronalem Kurzschluss und unbewusster physischer Anziehung einen ihrer Angestellten küsst. Am nächsten Tag will sie von der amourösen Attacke auf jenen Markus (Francois Damiens) nichts mehr wissen. Doch der unscheinbare Schwede – Markenzeichen: Halbglatze, Vollbart und Herrenpullover aus dem Regal für Studienräte – gibt so schnell nicht auf.

Es liegt nicht unbedingt auf der Hand, den schwierigen Prozess, sich nach dem Tod der großen Liebe wieder auf einen Partner einzulassen, als Komödie zu erzählen. Autor David Foenkinos, der hier zusammen mit seinem Bruder Stéphane seinen eigenen Roman-Bestseller verfilmt, trifft den passenden emotionalen Ton. Nach einem langwierigen, schwermütigen Auftakt und der titelgebenden Initialzündung (die man erst mal schlucken muss!) funktioniert die Romanze vor allem dank der Chemie zwischen der Niedlichen und dem Nerd, die die Hauptdarsteller behutsam aufbauen.

Das sieht sich als Liebesgeschichte durchschnittlich nett an. Interessanter wird es, wenn man den Film als hübsch verpackten Kommentar auf den allgemeinen Schönheitswahn und den Umgang mit Menschen, die nicht der optischen Norm entsprechen, versteht. In einer auf Äußerlichkeiten fixierten Umgebung kann die Liaison zwischen einem Rehauge und einer grauen Maus durchaus als Provokation aufgefasst werden.

für den Kölner Stadt-Anzeiger

The Lady – Ein geteiltes Herz

Als Aung San Suu Kyi wenige Tage nach den Parlamentswahlen in Birma im November 2010 nach 15 Jahren mehrmals unterbrochenen Hausarrests überraschend entlassen wurde, war das für das Filmteam um Luc Besson ein denkwürdiger Moment. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwamm, denn gerade hatte die Crew auf dem thailändischen Set die Szene gedreht, in der die Friedensnobelpreisträgerin zwischenzeitlich schon einmal auf freien Fuß gesetzt wurde. Darin tritt Schauspielerin Michelle Yeoh durch ein Holztor ein paar Stufen hinauf, wo sie der wartenden Menschenmenge zuwinkt. Vor dem gleichen Tor, nahezu identisch gekleidet, war die echte Politikerin am Abend in den Nachrichten zu sehen.

Mit „The Lady“ – wie die Birmanin in ihrer Heimat genannt wird – wollte Besson eigentlich einen Beitrag dazu leisten, die Freilassung Suu Kyis zu beschleunigen. Ähnliches schien schließlich 1995 John Boormans „Rangoon – Im Herzen des Sturms“ geschafft zu haben, in dem Patricia Arquette als amerikanische Touristin mitten in die Unruhen gerät, die das birmanische Militärregime gewaltsam niederschlägt. Kurz, nachdem das packende Actiondrama in den europäischen Kinos anlief, ließ die Junta Suu Kyi frei. Diese bedankte sich in ihrem ersten Interview bei den Filmemachern.

Im Gegensatz zu „Rangoon“ ist Bessons Film ein Biopic, das also Aung San Suu Kyi in den Mittelpunkt rückt. Nach den 1947 angesiedelten Eingangsszenen, in denen der Vater der damals Zweijährigen kurz vor der Wahl zu Birmas erstem frei bestimmten Präsidenten steht, aber von einer Miliz ermordet wird, springt die Handlung ins Oxford der späten Achtziger Jahre. Suu Kyi ist mit dem Geschichtsprofessor und Tibetologen Michael Aris (großartig: David Thewlis) verheiratet, hat zwei Söhne im Teenageralter und führt das ruhige Leben einer Hausfrau. Als ihre Mutter einen Schlaganfall erleidet und die damals eher Unpolitische in die alte Heimat reist, um die alte Dame zu pflegen, wird ihr erstmals die Situation ihrer Landsleute bewusst.

Spontan tritt sie das Erbe ihres Vaters an, hält flammende Reden über Frieden und Freiheit und wird vom Volk sofort ins Herz geschlossen. Als sie bleibt, mit Gleichgesinnten die Nationale Liga für Demokratie gründet und zur Parteivorsitzenden gewählt wird, greift die Junta ein. Um keine Märtyrerin aus Suu Kyi zu machen, sperren sie sie zu Hause ein. Der Kontakt zu Mann und Söhnen wird unterbunden. Als Michael an Krebs erkrankt und nur noch kurze Zeit zu leben hat, dürfte sie zu ihm – aber nie wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Auch wenn das Drehbuch von Rebecca Frayn brav alle Stationen der Vita ihrer Protagonistin von der Politisierung bis zu den Phasen der Hausarreste abhakt, so erzählt es vor allem auch eine Liebesgeschichte. Lange kann Michael das Engagement seiner Frau – ob von England aus oder zum Teil auch vor Ort – unterstützen, bis sie die unmögliche Entscheidung zwischen privatem Glück und dem Schicksal ihres Volkes treffen muss. Das dramatische Potenzial war es, wovon die spätere Hauptdarstellerin Michelle Yeoh schon bei der ersten Lektüre des Skripts überzeugt war.

Die malaysische Action-Darstellerin („Tiger and Dragon“) schob das Filmprojekt an, umwarb den Regisseur, den sie für seine starken Frauenfiguren („Nikita“, „Das fünfte Element“) schätzte, und inhalierte alles, was sie über die charismatische Friedenskämpferin finden konnte. Sie war auch die Erste, die ein 24-Stunden-Visum erhielt und Suu Kyi treffen durfte. So ist „The Lady“ in erster Linie ein Michelle-Yeoh-Film geworden. Ihre einfühlsame, perfekte und leidenschaftliche Darstellung setzt Birmas Hoffnungsträgerin ein Denkmal.

Von Luc Bessons Inszenierung lässt sich das leider nicht behaupten. Selten hat ein Werk des Franzosen so frei von dessen ursprünglicher ästhetischer Handschrift gewirkt. Betulich, mit den immer gleichen Einstellungen und ohne Inspiration spult er die Geschichte ab. Einen schlechten Film hat er keineswegs gedreht, aber einen, der in Ehrfurcht vor seiner Heldin zu erstarren scheint und sich nicht nahe genug heran traut.

Dennoch kommt Bessons ehrenwertes Anliegen zur rechten Zeit. Auch wenn Aung San Suu Kyi seit nun bald eineinhalb Jahren eine freie Frau ist und bei den Wahlen in Birma vergangenen Sonntag erstmals als Oppositionsführerin ins Parlament einziehen konnte: ihre Freiheit ist mit Einschränkungen verbunden. Mediale Aufmerksamkeit und öffentlichen Druck kann das Land, dessen Menschenrechtslage laut Amnesty International zu den problematischsten weltweit zählt, nach wie vor gebrauchen.

Schöner wäre es nur gewesen, wenn der Regisseur, der schon 2006 seinen Ausstieg aus dem Filmgeschäft verkündete (und seinem Oeuvre danach mit drei „Arthur und die Minimoys“-Kinderabenteuern und einer Verfilmung der Adèle-Blanc-Sec-Comicreihe kaum Nennenswertes hinzufügte), die gute Sache statt mit einfachem Handwerk durch künstlerische Kraft befeuert hätte. So ist aus „The Lady“ leider kein großer Film über eine große Frau geworden.

für den Kölner Stadt-Anzeiger